| BEHINDERTES KIND - EIN GESCHENK FÜR DIE
ELTERN... Als Mutter eines behinderten Kindes (mit
spastischer Diparese) , versuchte ich im Rahmen
der "Kaffeerunde" meine Erfahrungen der letzten vierein- halb Jahre zu
übermitteln, in denen mein Mann und ich Siegfried Oleg begleitet haben - zu
Beginn, als es um sein Überleben ging und in der Folge dann, als es darum ging
und noch immer geht, ihm zu helfen, sein Leben zu meistern.
Ich möchte nicht den Anspruch erheben, dass
meine Erfahrungen den Rang allgemeingültiger Erkenntnisse haben und
einschränken, dass ich nicht weiß, wie ich die Situation gemeistert hätte in
einem anderen Umfeld, mit einem anderen Partner und mit einer anderen Art von
Behinderung (geistigen Behinderung, mehrfachen Behinderung, Autismus, ...).
Trotzdem glaube ich, dass ein behindertes Kind immer als eine Chance angesehen
werden kann um zu lernen, zu reifen, tiefer in den Sinn des Lebens einzudringen
und Fähigkeiten zu entwickeln, die sonst brachgelegen wären. Wenn diese Chance
nicht genützt wird, entsteht aus einer Familie mit einem behinderten Kind eine
behinderte Familie.
Ohne in medizinische Details einzugehen, glaube
ich, kann jeder den Schock nacherleben, den Eltern bekommen, wenn es nach einer
unkomplizierten Schwangerschaft und einer nicht sehr dramatisch ver- laufenden
Frühgeburt heißt: Das Kind muss gleich operiert werden, es hat durch
Komplikationen nach der Operation nur 50% Überlebenschance und nach einem C T
mit neun Monaten die Gewissheit - das Kind hat einen Hydrocephalus. Nach
Verzweiflung, der bohrenden Frage 'warum' und Selbstvorwürfen, versuchten mein
Mann und ich die Situation anzunehmen und aktiv zu werden. Wir beschränkten uns
nicht auf die Möglichkeiten der Schulmedizin. Durch selbst betroffene Eltern
und im weiteren durch Therapeuten, die durch die Arbeit mit Behinderten sich
nicht nur fachlich, sondern auch menschlich viel erarbeitet haben, eröffnete
sich uns ein breites Spektrum von Möglichkeiten, die zum Teil der ganzen
Familie zugute kamen.
Es genügt dabei nicht, zu einem Experten zu
gehen, sondern die Eltern müssen sich fachlich und vor allem innerlich mit
diesen Angeboten auseinandersetzen, entscheiden und dann vereinigen. Wir lernten
einige Väter und Mütter kennen, die durch die Betreuung ihres behinderten
Kindes Fähigkeiten in sich entdeckten, eine Ausbildung machten und nun nicht
nur dem eigenen Kind sondern vielen Menschen helfen können.
Es tat uns immer wieder weh, zusehen zu müssen,
wie Siegi nicht mit gleichaltrigen Kindern
mitlaufen und mitspielen konnte -wurden aber reich entschädigt durch seine
Freude an Kleinigkeiten. Es war schön zu sehen, als er vor kurzem den ersten
Rollstuhl bekam, mit welcher Selbstverständlichkeit er glücklich Kreise dreht
und die neu gewonnene Freiheit genießt.
Bei all dem Bestreben, dem behinderten Kind zu
helfen und es zu fördern, wurde mir mit der Zeit bewusst, wie sehr die gesunden
Geschwister oft darunter leiden. Sie müssen vieles zurückstecken; mit zwei
Jahren ist der ältere Bruder überfordert zu verstehen, warum er wegen des
Geschwisterchens jede Woche mit ins Kinderspital und ruhig sein muss, warum die
Mama 4 mal am Tag mit dem Baby ein Therapieprogramm durchziehen soll,
zusätzlich zu dem, was das Baby von Haus aus schon an Privilegien in den Augen
des Älteren genießt.
Wir waren gezwungen, innerhalb dieser Zeit
zweimal umzuziehen, da mit einem behinderten Kind, je älter es wird, Stockwerke
ohne Lift kaum mehr zu überwinden sind. Bei aller Dankbarkeit was von Seiten
der öffentlichen Hand schon für Behinderte getan wird, braucht man
für die vielen Behördenwege gute Nerven.
Wir konnten in den letzten 4 1/2 Jahren auf persönlicher Ebene, in der
Beziehung zueinander und auf gesellschaftlicher Ebene viel erleben. Diese
Erfahrungen möchte ich unter keinen Umständen mehr missen. Ich lernte, vieles
mit anderen Augen sehen und Wichtiges von Unwesentlichem unterscheiden, das
wahre Ich besser entdecken und öffnete mich Dingen, an denen ich vorher
achtlos, wenn nicht überheblich vorübergegangen bin. Durch das gemeinsame
Bewältigen schwieriger Lebensabschnitte bekam die Beziehung zum Partner eine
neue Qualität. Wir kamen an körperliche und seelische Grenzen, die wir vor
allem durch die gemeinsame Ausrichtung auf Gott überwinden konnten.
Ich möchte dazu ein Zitat aus dem Buch
"Leben mit einem behinderten Kind" von Silvia
Görres bringen CS. 59/60): "Die Zusammenarbeit der Eltern, wenn es um ein
behindertes Kind geht, kann Ehefördernd und Ehestärkend sein, besser als
manches Partnerschaftstraining und gewisse Kommunikationsübungen im luftleeren
Raum. Ein behindertes Kind braucht mehr als andere die festgefügte Familie, ein
einiges und miteinander die Last tragendes Elternpaar .Es braucht den
zugewandten, humorvollen, gelassenen Vater und die unermüdlich geduldige,
zuverlässige, nicht in Selbstmitleid und Kummer eingesponnene Mutter. Kurzum:
Es braucht die idealen Eltern, die wir alle nicht sind, aber uns zu werden
bemühen sollen, wenn uns ein behindertes Kind anvertraut wurde ."
Wie echt und verständnisvoll Beziehungen zu
Freunden, Verwandten und Bekannten waren, stellte sich im Laufe der Zeit
deutlich heraus. Einerseits lernten wir durch das behinderte Kind viele
wertvolle Menschen kennen - andererseits verkleinerte sich der Freundeskreis, da
oft das Verständnis dafür fehlte, dass bei diesen Kindern noch zusätzliche
zeit- und kräfteraubende Arbeiten notwendig sind. Zeit und Kräfte, die vorher
auf gesellschaftlicher Ebene investiert werden konnten. Zum Schluss möchte ich
noch sagen, dass sich in den letzten Jahrzehnten in der westlichen Welt in
puncto Umgang mit behinderten Menschen sehr viel Erfreuliches getan hat.
Trotzdem bleibt noch vieles zu tun, dass Gesunde und Behinderte miteinander in
Menschenwürde leben können.
Albert Görres,
der Mann der o.g. Autorin, schreibt im Nachwort des o.g. Buches (S.112):
"Nicht
einzelne unter uns, die wir in ein Ghetto abschieben können, sind das beschädigte
Leben, sondern wir alle sind geistig behinderte Kinder, darauf angewiesen,
dass schützende Hände uns den Weg finden lassen. Wenn wir von unseren
behinderten Kindern den guten Rat annehmen, ihre undurchschaute Not und
Hilfsbedürftigkeit, ihr ans Herz greifendes Vertrauen, ihre demütige
Dankbarkeit und Freude in all ihrem Elend, ihr einfältiges Glücklichseinkönnen,
auch als
Bedingungen unseres eigenen Daseins anzuerkennen,
dann sind wir wahrhaft gut beraten, und dann wissen wir, warum wir dem
behinderten Menschen nicht nur die Pflicht der Gerechtigkeit zu erfüllen,
sondern auch eine große Dankesschuld abzutragen haben.
Lyrik von Franz - Joseph Huainigg (einem seit Kindheit gelähmten Autor) aus seinem
gleichnamigen Buch:
Wenn ich nicht wäre, wie ich bin
Ich würde rennen
und mich dabei selbst besiegen,
ich würde laufen,
über Wiesen, Felder durch bunte
Wälder,
bis ich außer Atem bin. Ich
würde springen,
um mein Glück allen zu zeigen,
ich würde tanzen, strawanzen,
auf Zehenspitzen schleichen, zu
dir.
So sitze ich hier,
träume lächelnd von dem, was
wäre, wenn ... und weiß doch, dass ich nie
so wunderbar träumte ,
wenn ich nicht so wäre, wie ich
eben bin.
Mag. Maria Pammer
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