DIE LOGIK DER LIEBE
Die Sehnsucht des Menschen nach Frieden ist so
alt wie die Menschheit. Sie wurde aber nie verwirklicht.
Wir leben in einer sich schnell verändernden
Welt. Vor allem hier in Europa erlebten wir den Zerfall der Diktatur des
Proletariats. Jetzt erschüttern viele Bürgerkriege auf der Basis des
Nationalismus die ehemaligen kommunistischen Staaten.
Welche Richtung wird die Welt einschlagen? Macht,
Gewalt, Konkurrenz, Herrschaft und Feindschaft sind scheinbar immer noch im Vor
marsch. Aber sie scheinen nicht mehr die Wege zu sein, die die öffentliche
Meinung schätzt. Statt dessen werden Stimmen laut, die statt nach Vergeltung
nach Verständnis und Selbstlosigkeit rufen. Wir erkennen deutlich, daß nicht
die bewaffnete Revolution das Ziel unserer Existenz ist, sondern die Errichtung
einer friedlichen Welt.
Was können wir Frauen zur Errichtung der
friedlichen Welt beitragen? Die Probleme, wie Relativierung der moralischen und
ethischen Maßstäbe die Jugendkriminalität, Drogenabhängigkeit letztlich der
Zerfall der Familien, scheinen die vordringlichsten zu sein.
Wir begannen zu ergründen, welche Bereiche von
bestehenden Frauenorganisationen bis jetzt abgedeckt werden. Wir fanden heraus,
daß es in Westeuropa eine starke feministische Bewegung gibt, die versucht die
Frauen nach den männlichen Maßstäben zu befreien und dem Manne
gleichzustellen. Diese Frauen fordern für sich das Recht auf Ausbildung,
Bezahlung, Berufskarriere gleich, wie es die Männer haben. Die Frauen haben auf
diese Weise die Flucht aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit angetreten. Sie
sind selbst berufstätig und in schwierigen Situationen lassen sie sich
scheiden; in Deutschland werden von 10 Scheidungen 8 von Frauen eingereicht.
Auf der anderen Seite gibt es heute noch einen
anderen Prototyp der Frau, die in traditionellem Muster auf Beruf und Karriere
und zum Teil auf gesellschaftliches Leben verzichtet, um der Ehe und Kinder
Willen. Dieser traditionellen Rollenzuweisung und diesem Verständnis steht die
Emanzipation und die neuen Rollenbilder für Mann und Frau gegenüber.
Partnerschaft, statt Patriarchat - gesetzlich bereits verankert - haben zu
starken Verunsicherungen einer ganzen Generation von Ehepaaren geführt.
Das Jahr 1994 wurde zum "Internationalen
Jahr der Familie" erklärt. Alles deutet darauf hin, daß die Familie immer
noch als die kleinste Zelle der gut funktionierenden Gesellschaft ihre Bedeutung
hat. Ganz gleich, ob traditionell patriarchisch, oder partnerschaftlich, mit
neuen Beziehungsmustern - die Sehnsucht des Menschen nach einer dauerhaften, auf
Liebe und Vertrauen basierender Partnerschaft (Beziehung) ist unveränderlich
geblieben. Die Familie muß so beschaffen sein, daß der Mensch innerhalb dieser
Strukturen alle Arten der menschlichen Beziehungen erleben kann.
Jede Existenz und jedes Wachstum ist nur auf der
Grundlage des Gebens und Empfangens möglich. Wir können zum Beispiel nicht
eines Tages beschließen, daß wir nur noch einatmen, aber nicht mehr ausatmen.
Wir können auch nicht nur arbeiten, ohne zu essen und zu ruhen. Wir sehen
daraus, daß die Dinge nicht nur in einer wechselseitiger Beziehung stehen,
sondern auch einer bestimmten Ordnung entsprechen müssen.
Nun müssen wir unterscheiden zwischen der
absoluten Ordnung (dem IDEAL), der relativen Ordnung und der absoluten
Unordnung. Wir sehen uns täglich immer wieder aufs neue konfrontiert mit
Beispielen der Unordnung, Gehässigkeit, Krankheit, Unfällen und Verbrechen.
Wir erleben eventuell relative Ordnung - zeitlich begrenzte friedliche Beziehung
- Gesundheit. Wir erleben aber nicht, daß wir in der Welt der absoluten Ordnung
- einer idealen Welt - oder in christlicher Terminologie - im Reich Gottes -
leben.
Eines können wir mit Sicherheit sagen, daß wir
nicht in absoluter Harmonie in unserer Beziehung zu Gott, zu unseren Mitmenschen
und zur Natur stehen. Ja, viele Menschen stehen sich selber im Weg, sehen keinen
Sinn in ihrer Existenz und fühlen einen tiefen Widerspruch in sich selber. Der
Mensch leidet unter diesen Verhältnissen, die er sich oft nicht er klären
kann. Die tiefe Sehnsucht nach Glück und Erfüllung kann er aber nicht im
Bereich der Unordnung erleben. Daher ging der Mensch den Weg, die inneren
Beziehungen in der Schöpfung zu untersuchen. Er ging den Weg der
wissenschaftlichen Erforschung auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage
"wie?" und er suchte auf dem Weg der geistigen Erleuchtung nach einer
Antwort auf die Frage "warum?".
Durch die wissenschaftliche Forschung versuchte
der Mensch in die Gesetzmäßigkeiten der physischen Schöpfung Einblick zu
gewinnen - er untersuchte die Dinge selbst. Durch die Religion und Philosophie
versuchte er den Sinn zu ergründen, der der Existenz zu Grunde liegt. Erst,
wenn der Mensch weiß, was "richtig" ist, kann er sich
"richtig" verhalten und in Folge dessen die guten Früchte seines
richtigen Verhaltens ernten.
Nun hat jeder von uns eine ganz persönliche
Meinung darüber, was richtig und was falsch ist. Da wir uns der Begrenztheit
dieser persönlichen Meinung bewußt sind, suchen wir wieder nach der Quelle der
Ordnung, nach Gott, um unseren Maßstab mit Gottes Maßstab in Einklang zu
bringen. Wenn es uns gelingt, diesen Einklang zu finden, können wir sagen, gemäß
dem Prinzip der Resonanz - Gott und ich sind in dem und dem Punkt eins. Oder mit
Worten Jesus: "Wer mich sieht, sieht den Vater", oder Math. 5:17
"Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist".
Unter diesem Blickwinkel wird es klar, daß die
Beziehung zu Gott nicht ein entbehrlicher Luxus im Leben des Menschen ist,
sondern daß die religiöse Frage die zentrale Frage des Menschen ist. Weil es
eine so zentrale Frage ist, wäre es töricht diese Frage zu ignorieren, oder zu
meinen es genügt, wenn jeder eine eigene Meinung über Gott hat. Dies führt
leider oft zu Konflikten, auch im Bereich der Familie. Vor allem heute, wo, wie
bereits erwähnt, die traditionellen Rollenbilder von Mann und Frau so sehr im
Wandel begriffen sind. Wir neigen zur Flucht in kurzfristige Lösungen, statt
uns selbst ernst zu nehmen und im Geiste der gegenseitigen Achtung verschiedene
Probleme ausreichend zu besprechen. Dies gilt sowohl für die Familie, als auch
in der Gesellschaft.
Das höchste Glück erlebt der Mensch durch die
Liebe. Wie Können wir die Liebe definieren?
Ein Versuch der Definition: Liebe ist ein
ununterdrückbarer Impuls in einer Persönlichkeit nach einem Gegenüber, nach
einem Objekt, dem man sich mitteilen kann, um durch Erwiderung des Objekts die
Freude zu erleben. Auch die Liebe hat einen gebenden und einen empfangenden
Aspekt und so ist sie die Basis für alle Existenz und für die Kreativität.
Was war zuerst? Die Liebe oder das Leben? Die
Liebe war zuerst. Das Leben ist das sichtbar werden der Liebe. Auf der
individuellen Ebene erleben wir in uns selbst die Polarität des inneren
Charakters und der äußeren Form. Wir denken, fühlen und wollen und von diesem
unsichtbaren Subjekt wird der Körper, als sichtbares Objekt gelenkt. Je
harmonischer und bewußter die Beziehung des Gebens und Empfangens innerhalb des
Individuums stattfindet, umso intensiver oder reifer erleben wir eine Persönlichkeit.
Wenn der Maßstab des Denkens, Fühlens und
Wollens mit dem absoluten Maßstab Gottes in Harmonie ist - auf der Basis der
Selbstlosigkeit, kann dieser Mensch auch Handlungen der selbstlosen Liebe setzen
und dadurch zum substanziellen Objekt Gottes werden. Er erlebt mit Gott die 3
Attribute der wahren Liebe: Gleichheit, Teilnahme und Erbschaft. Dieses Leben um
uns herum - ich meine jetzt das Universum - existiert in Paaren von Maskulinität
und Feminität, um in diesen Paaren die Liebe zu praktizieren.
Diese Tatsache gibt uns zu denken, daß auch in
Gott = Schöpfer diese Polarität von Plus und Minus, männlich und weiblich
vorhanden sein muß. Wenn Mann und Frau einander selbstlos lieben und füreinander
da sind, sind sie beide gleichwertig - da ein Teil ohne den anderen nicht leben
kann. Sie können an allen Tätigkeiten des anderen teilhaben und sie erben
alles was der andere besitzt.
Aus dieser Dreieinigkeit G+M+F kommt noch die 4.
Position dazu - das Kind, oder die Kinder. Wir haben die kleinste Zelle der
idealen gut funktionierenden Gesellschaft. Auf diesem Fundament können alle 4
Arten der Liebe praktiziert werden:
Die empfangende Liebe, die wir als Kinder
erleben, die wir oft als Selbstverständlichkeit erleben.
Die geschwisterliche Liebe - gegenseitige Liebe.
Hier sollte der Mensch lernen, auf welcher Weise er sich später seinem Nächsten
gegenüber verhalten soll. Im warmen Nest der Familie sollte das Kind lernen
seine Liebe zu den Geschwistern zu entwickeln, damit es später ein Arbeits- und
Wirtschaftsleben den anderen Menschen auf der Ebene der Liebe begegnen kann,
nicht auf der Ebene des Hasses, des Neides und des Egoismus. Die Menschen sollen
leben als Brüder und Schwestern - dies wird aus heute deutlicher denn je bewußt.
Eine weitere Beziehung im Rahmen dieser Familie
ist die Beziehung zwischen den Ehegatten. Dies ist der Punkt an dem es große
Schwierigkeiten gibt und wo es sehr deutlich hervorkommt, wie wichtig es ist, daß
beide Partner in der richtigen Beziehung zu Gott stehen - jeder für sich um
auch miteinander in richtige Beziehung zu kommen. Wenn wir es schaffen in
Harmonie mit Gott zu leben, wird auch die gegenseitige Beziehung zwischen den
Partnern zu einer wahren Erfüllung ihres Lebens sein.
Schließlich erlebt der Mensch auf diesem
Fundament seine Liebe zu seinen Kindern. Dies ist eine ausgesprochene gebende
Liebe die bedingungslos gegeben wird, unabhängig davon, ob das Kind nun diese
Liebe erwidert oder nicht. Diese Beziehung des bedingungslosen Gebens ist das
klassische Beispiel, wie wir Glück erlangen durch Geben. Ein Baby macht jede
Menge Arbeit - von ökonomischem Standpunkt aus betrachtet, würde niemand den
Eltern einen Vorwurf daraus machen, wenn sie das Kind als Last empfinden. Aber
das Leuchten in den Augen der Eltern beim Betrachten ihres kleinen Kindes,
spricht eine andere Sprache. Das ist die Elternliebe - sie lieben das Kind nicht
- weil es ihnen nützt oder weil es schön ist, sie lieben es einfach, weil es
da ist.
Der Mensch soll alle 4 Arten der Liebe die
nehmende, die gegenseitige geschwisterliche, die gegenseitige eheliche und die
absolut selbstlos gebende Liebe erfahren und verwirklichen.
Es wird viel von Frieden geredet - aber ein
dauerhafter Frieden kann nie nur durch Abrüstung, oder durch Gleichgewicht der
Rüstung, durch Gesetzgebung, durch Rechtliche Absicherung durch sozialen
Wohlfahrtsstaat errichtet werden sondern wir müssen das Problem des Krieges
zwischen Einzelpersonen lösen. Und das ist nur auf der Basis der selbstlosen
Liebe möglich.
Wenn wir die Weltfamilie von Brüdern und
Schwestern werden wollen, müssen wir auch die Qualifikationen erlangen, um in
einer solchen Weltfamilie zu leben. Das heißt, wir müssen lernen zu lieben.
Der Mensch kann seine Bedürfnisse nicht allein
durch Nahrung, Kleidung und Wohnung befriedigen. Er sehnt sich als geistiges
Wesen nach der Erfahrung der Liebe. Ich möchte noch ein Beispiel anführen:
Eltern beklagen sich oft, daß sie von ihren Kindern schlecht behandelt werden.
Die Kinder sagen: "Wir geben den alten Eltern genug zu essen, sie haben ein
Dach über dem Kopf und wenn sie krank sind, rufen wir den Arzt". Darauf könnte
man sagen: "Das tut jeder Bauer mit seinen Tieren auch" - Wo liegt der
Unterschied?
Die Eltern brauchen nicht nur die physische
Versorgung, sondern auch die Liebe ihrer Kinder. Es reicht nicht aus, wenn der
Mensch dazu erzogen wird, seine Pflicht zu erfüllen.
Die Liebe kann sich nur im innersten Kern des
menschlichen Herzens entwickeln. Der Ort an dem dies geschieht ist die Familie.
Dies bedeutet, daß die Beziehungen der Menschen in der Gesellschaft ein Spiegel
bild jener Beziehungen sind, die in der Familie gelebt werden.
In welchem Zustand ist heute die
durchschnittliche Familie? Die Realität ist oft erdrückend. Ist die soziale
Absicherung daran schuld? Sind wir zu sehr verwöhnt, zu stark oder zu wenig
emanzipiert? Oder haben unsere Probleme einen tieferen Grund?
Ich möchte ein Resümee ziehen und sagen:
Wir sind abgeschnitten von der Quelle der Liebe.
Unser individueller Maßstab der Liebe ist nicht in Übereinstimmung mit Gottes
absolutem Maßstab der Liebe. Gott und seine Liebe wird von vielen Menschen als
theoretische Angelegenheit betrachtet, die keinen Bezug zur Wirklichkeit hat.
Viele geben sich mit dem "Glauben an Gott" zufrieden.
Wenn ich sage: "Ich glaube an die Harmonie
in der Musik" und ich sie nicht hören und erleben möchte, wie soll ich
dann Freude an der Musik haben? Ähnlich ist es mit anderen Werten, zum Beispiel
mit dem Frieden. Um in einer friedlichen Welt als Brüder und Schwestern in
einer Weltfamilie leben zu können, müssen wir dazu durch unsere Fähigkeit zu
lieben qualifizieren.
Nun habe ich vielleicht viel von der
Notwendigkeit eines Maßstabs für ein Ideal gesprochen. Wir sind aber alle
nicht vollkommen. Wenn es uns aber gelungen ist, daß dieser Vortrag eine kleine
Inspiration war, um zu helfen, gesunde Familien aufzubauen, als Baustein für
eine friedliche Welt und als Quelle der Freude für uns Menschen und nicht
zuletzt auch für Gott, so war dieser Abend ein Erfolg.
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