INNERE VERSÖHNUNG
Am 22. und 23. April 1995 fand in Wien im Hotel
Biedermeier die erste der beiden Veranstaltungen im Rahmen der
"Internationalen Schwesternschaft" statt. Die einleitenden Worte
sprach Frau Sieglinde Schmidinger:
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich freue mich, dass Sie unserer Einladung gefolgt
sind und begrüße Sie sehr herzlich !
Wenn wir von Weltfrieden sprechen, so gibt es viele
Hindernisse, die diesem Ideal im Wege stehen. Einige davon sind Misstrauen,
Ressentiment und Hass zwischen verschiedenen Völkern und Nationalitäten,
welche sich im Laufe der Geschichte angesammelt haben.
Durch Friedensschlüsse und Verträge kann zwar
äußerlich Frieden geschaffen werden, aber solange nicht eine wahrhaft innere
und persönliche Versöhnung stattfindet, werden die Wunden nicht heilen.
Konflikte können dann sehr schnell wieder ausbrechen,
denken Sie nur an das tragische Beispiel im ehemaligen Jugoslawien.
Auch zwischen unseren Ländern Österreich und Tschechien
hat es im Laufe der gemeinsamen Geschichte schlimme Missverständnisse und
Ungerechtigkeiten gegeben. Deshalb bin ich sehr stolz und glücklich, dass wir
uns heute zusammengefunden haben, um
neue Beziehungen zu knüpfen, aus denen sich hoffentlich
dauerhafte Freundschaften entwickeln werden. Denn wahrer Friede - davon sind wir
von der ÖFFW überzeugt -entsteht gerade auf der Grundlage solcher
persönlicher Beziehungen. Mit dieser Frauenkonferenz haben wir eine Initiative
der Internationalen ÖFFW aufgegriffen.
1994 fand eine Verschwesterung zwischen jeweils 160.000
koreanischen und japanischen Frauen statt. Etwas bis dahin Unvorstellbares, wenn
man bedenkt, dass Korea fast ein halbes Jahrhundert lang von Japan besetzt und
unterdrückt worden war, und in Korea bis zum heutigen Tag bittere Gefühle der
Abneigung gegen Japan kultiviert werden. Tausende Frauen konnten einander
umarmen und erlebten unter Tränen eine Befreiung von generationen alten
Hassgefühlen.
Im Jänner dieses Jahres begann eine Reihe von Konferenzen
zwischen japanischen und amerikanischen Frauen. Ungefähr 4.000 Schwesternpaare
sind in Washington bis jetzt entstanden. Und viele hatten das Gefühl, dass es
kein Zufall war, mit wem sie zusammen gekommen sind. Zum Beispiel hatte eine
Amerikanerin ihren Vater auf den Philippinen verloren, das im Zweiten Weltkrieg
von den Japanern besetzt war. Die Eltern ihrer neuen japanischen
"Schwester" waren nach dem Bombenabwurf auf Hiroshirna gestorben.
Beide konnten nur weinen und einander umarmen und sie verstanden, dass ein
besonderer Sinn in ihrer Begegnung lag.
Ich bin überzeugt, dass auch unser Zusammentreffen kein
Zufall ist. Es ist ein erster Schritt dahin, dass wir Frauen eine aktive Rolle
als Friedensstifterinnen in Europa übernehmen.
Ich hoffe, dass durch uns alle diese Konferenz ein Erfolg
wird.
Sieglinde Schmidinger