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KINDER BIKULTURELLER PAARE UND IHRE ERZIEHUNG

Dr. Baha Assad, geboren in Afghanistan, studierte Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Wien und promovierte 1978 zum Doktor der Pädagogik. Von 1981 bis 1995 war Dr. Baha pädagogischer Betreuer bei den Wiener Sängerknaben. Zur Zeit ist er Lektor für Erziehungs- Wissenschaften an der Universität Wien. Dr: Baha lebt seit 30 Jahren in Wien und ist seit 16 Jahren mit einer Österreicherin verheiratet. Sie haben eine Tochter:

Einleitung

Die Erziehung von Kindern stellt nicht nur bikulturelle Partnerschaften auf eine ernste Probe, sondern ist, allgemein betrachtet, eine der schwierigsten Aufgaben. Bei bikulturellen Paaren gilt es, in wesentlichen Bereichen eine Übereinkunft zu finden, die selbst in einer einzigen Kultur häufig nicht gegeben ist.

Als positiver Aspekt bei bikulturell erzogenen Kindern ist anzusehen, dass die Chance gegeben ist, einen geschärften Sinn für andere Welten, Kulturen und Sprachen zu entwickeln- Andererseits müssen die Eltern eine Reihe von Inhalten ab- klären, wie z.B. welche Rolle der jeweiligen Herkunftssprache in der Familie zugesprochen wird, welche Art der religiösen Erziehung in einer bireligiösen Partnerschaft durchgeführt wird, welcher Erziehungsstil (autoritär, antiautoritär oder demokratisch bzw. sozial-integrativ) gewählt wird. Das Problem der Austragung von Konflikten wird zu bedenken sein. Auch die Frage, welche Erziehungsrechte der Verwandtschaft zugestanden werden sollen, wird zu beantworten sein.

Was versteht man unter bikulturellen Ehen?

Der Ausdruck "bikulturelle Ehe" dient der Verdeutlichung zweier Kulturen, die in der Ehe aufeinander treffen. Der Unterschied kann z. B. in der Religion, Rasse, Nation oder in sprachlicher Hinsicht gegeben sein.

Die Vorstellungen über Ehe und Familie können unterschiedlicher Art sein, wobei diese unter- schiedlichen Familienkonzepte. die verschiedenen Erwartungen an den Ehepartner, die unter- schiedliche Einstellung über die Kindererziehung. Erziehungs- ziele, Erziehungsstile, die Wahl des Namens des Kindes, die Religion, die Sprache und Elternrolle, den persönlichen Freiraum des einzelnen Familienmitgliedes zu Konflikten führen können.

Die Problemfelder bei bikulturellen Ehen entstehen meistens durch die Unkenntnis und die Unerfahrenheit der beteiligten Personen mit Menschen aus an- deren Kulturen. Das Erlernen der Sprache der jeweiligen Partner ist eines der wichtigsten Instrumentarien zum besseren kennen lernen der beiden Kulturen. Bei Kindern aus bikulturellen Ehen muss darauf acht gegeben werden, dass die Kinder beide Sprachen aktiv erlernen.

Nach 1960 wurde in der wissenschaftlichen Literatur die Zweisprachigkeit als Vorteil in verschiedenen Bereichen angesehen, wie z.B. bei den Faktoren Intelligenz, kognitive Flexibilität, Kreativität und das divergente Denken sowie soziales Prestige. Die Zweisprachigkeit bringt die Erfahrung mehrerer Kulturen und eine Vergleichsmöglichkeit und eine Erleichterung der Anpassung, eine Bereicherung der Persönlichkeit, einen Zu- gang zu einer anderen Literatur, zu einer anderen Kultur. Die Zweisprachigkeit spielt die Rolle eines Vermittlers und kann eine mehrfache Stütze bei Schwierigkeiten im Leben bedeuten.

Daneben sind aber auch einige Probleme zu bedenken: Es können Probleme des Zugehörigkeitsgefühls zu den verschiedenen Kulturen, das Gefühl der inneren Diskontinuität, ein Außenseitertum, das Problem einer einheitlichen Identität, ein Kulturkonflikt entstehen.

Obwohl sich heute die Ehe mehr auf die emotionale Ebene verlagert hat, das individuelle Glück und die Geborgenheit im Mittelpunkt stehen und der private Raum im Gegengewicht zur Außenwelt steht, wird die Verwirklichung der Intim- und Privatsphäre durch manche Probleme in der Ehe stark belastet und führt dadurch auch zu einer Belastung der Kinder. Ein anderes Problem bei bikulturellen Ehen können die Vorstellung über das Macht- und Geschlechtsverhältnis, das eigen- kulturelle Ehemuster und die Heiratsregeln darstellen.

Trotz eines biographisch be- dingten unterschiedlichen Erfahrungsschatzes der Partner in bikulturellen Beziehungen kann sich eine gemeinsame Identität als Ehepaar entwickeln, wenn beide Personen ihr Identitätskonzept etwas verändern und ihre Identität umorganisieren und durch Abstriche und Kompromisse einen Konsens finden. Durch Beratung, Gespräche und andere Strategien können Wege für eine Konfliktlösung der bikulturellen Ehen gefunden werden.

Hier müssen beide Seiten lernen, dem Partner die Möglichkeit zu geben, Probleme und Anforderungen seiner Situation die Konflikte zwischen den Partnern einer bikulturellen Ehe können aber auch als eine Chance begriffen werden, sich für das Fremde zu öffnen und sich damit auseinander zu setzen. Bikulturelle Ehen stellen eine Möglichkeit dar, neue Ehe- und Familienmuster zu schaffen und über die kulturellen Grenzen hin- weg durch einen interkulturellen Lernprozess Beschränkungen zu erkennen und sogar teilweise zu überwinden oder neu zu gestalten.

Das Zusammenleben in der Gesellschaft ist nämlich nicht als Zustand oder einmal erreichter Status zu betrachten, sondern vielmehr als ein Anspruch, der immer wieder neu eingelöst werden soll, aufzuarbeiten und sie bewältigbar zu machen. Der Inhalt dieses Lernens sollte die Kenntnis der Charakteristika und Denk- weisen der einzelnen Kulturen, der Lebenswelt der teilnehmen- den Personen sein.

Die bikulturelle Ehe ist als Konsequenz der modernen Partnerwahlmöglichkeiten, der Migrationsbewegungen und das Zusammenrücken von Gesellschaften anzusehen.

Multikulturelle Erziehung

In den vergangenen Jahrzehnten haben Arbeitsmigration und weltweite Fluchtbewegungen die demographische Zusammensetzung aller europäischen Gesellschaften nachhaltig verändert. Seit dem Anfang der 80er Jahre wird über den Begriff der multikulturellen Erziehung, das multikulturelle Lernen, die multikulturelle Gesellschaft, diskutiert.

Das Erziehungssystem hat zunächst zögernd mit unterschiedlichen bildungspolitischen und pädagogischen Konzepten auf die Anwesenheit von "ausländischen" Kindern und Jugendlichen in den Erziehungsinstitutionen (Kindergarten, Mittelschule, Berufsbildung und Hochschulen) geantwortet.

Trotz des Bemühens um "inter- kulturelle Erziehung" ist es nur sehr begrenzt gelungen, die Bildungsbenachteiligung von ausländischen Kindern und Jugendlichen abzubauen. Die Erziehung produziert und reproduziert entgegen ihrer erklärten Absicht der Chancengleichheit statt dessen soziale Ungleichheit, wenn sie mit nationaler, kultureller und ethnischer Differenz operiert. So verschafft sie sich beispielsweise neue Rechtfertigung für Schulversagen.

Abschließend müssen unsere Fragen im Bezug auf die Integration der Immigrantenkinder darauf beschränkt werden: Wie ist die Rolle der jeweiligen Herkunftssprachen in der Familie und Erziehung in bikulturellen Partnerschaften? Soll das Kind beide Sprachen lernen und auf welche Art soll dies ver- mittelt werden?  

Wie ist die Entscheidung der religiösen Erziehung in bireligiösen Partnerschaften? Wie geschieht die Auswahl der Erziehungsstile? Wie wird die Priorität bei den Erziehungs- zielen bestimmt? Soll die Erziehung zur Durchsetzungsfähigkeit ( - durch Ellbogen- technik-) in der Wettbewerbsgesellschaft oder Erziehung zur Toleranz, zur Solidarität, zum Respekt und zum Mitgefühl ins- besonders mit den Schwächeren der Gesellschaft (wie mit Fremden, Alten, körperlich und geistig Behinderten) forciert werden?

Auf diese Fragen kann man keine eindeutige und befriedigende Antwort geben, denn es gibt keine allgemein gültigen Rezepte zur Lösung dieser Probleme.  

Dr. Assad Baha

 
   

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Redaktion: Renate Amesbauer
Freie Mitarbeit: Mag. Maria Pammer, Ingrid Hauseder,  Therese Heitzinger,

 

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