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Sexualität und unsere Gesellschaft 

Ich hatte das Glück in einer relativ gesunden und stabilen Familie aufzuwachsen. Ich erlebte sogar so etwas wie eine Großfamilie: meine Eltern waren Nachbarskinder und so wuchsen wir – meine 2 Brüder und ich – in der Freiheit zweier größerer Wiener Vorstadtgärten heran, noch dazu mit dem Glück, für lange Zeit beide Großelternpaare erlebt zu haben. Auch Onkeln und Tanten wohnten in diesen Häusern. So vermehrte sich auch alle paar Jahre die Zahl der Kinder, und damit unserer Spielgefährten. Die Erwachsenen hatten zwar ihre Probleme, aber irgendwie vertrugen sie sich auch wieder – viele Feste wurden im großen Familienverband gefeiert. Für uns Kinder war dies eine ziemlich heile Welt, die mir, und sowie ich es beurteilen kann, auch meinen Brüdern, genug Schutz gegeben hatte, uns zu entfalten, und unser Leben bewusst und mit Überlegung zu gestalten. Erst als ich erwachsen war und bereits innerlich und äußerlich auf eigenen Beinen stand, erkannte ich die Probleme, die es auch in unserer Familie gab, und manches schien auch erst dann richtig zum Ausbruch zu kommen.

Wie ein Schutzschild, der zerbrach, als er nicht mehr so notwendig war. Oder war es die Sorge und Freude um die kleinen Kinder, die alle zusammenhalten und so manches vergessen ließ; war man dieser Sorge so nach und nach enthoben, wurden manche Konflikte schier unüberwindbar.

Ich denke mit viel Dankbarkeit an diese glückliche Zeit der Kindheit zurück, die mir das nötige Rüstzeug gab in meinem Leben nicht in eine der vielen Fallen zu geraten, die sich vor allem dem jungen Menschen in den Weg stellen und zu oft dramatischen Wenden, bis hin zu schweren sozialen Problemen führen. Ich hatte immer die Zeit , meine Schritte selbst zu wählen, und dann zu tun, wann ich es für richtig hielt.

Ich spreche darüber gerade im Zusammenhang mit dem Thema Sexualität, weil gerade dies ein Bereich ist, indem es wie kaum in einem anderen so wichtig ist, den richtigen Zeitpunkt zu wählen und unter den richtigen Bedingungen zu handeln; nicht unter Druck zu stehen, etc. Sehr viel über Glück oder Unglück im späteren Leben wird dabei entschieden.

Es ist mir ein persönliches Anliegen an der Aufdeckung einer der größten Fallen für die Jugend (und nicht nur für diese), mitzuwirken, und wie sich immer mehr herausstellt besteht ein enger Zusammenhang zwischen dieser Falle der frühen sexuellen Aktivität Jugendlicher – um das Kind beim Namen zu nennen- und anderer schwerer sozialer Probleme wie: Drogen-, Alkoholsucht, Kriminalität, Selbstmord etc., bzw. sind die Ursachen ähnliche. Das heißt, wenn man eine von ihnen erfolgreich bekämpfen kann, würden auch die anderen maßgeblich eingeschränkt werden. Ich habe zu diesem Thema schon verschiedene Literatur gelesen, bzw. in Vorträgen gehört, und immer Bestätigung für die gleiche Theorie gefunden.

Diese möchte ich an Hand einer Arbeit von Dr. Annelise Fuchs darstellen:

Die Sexualentwicklung nach Freud und die Darstellung eines negativen Regelkreises mit Statistiken aus dem europäischen Raum.

Die Entwicklungspsychologie ist bei allen Phänomenen, die den Menschen betreffen von ausschlaggebender Bedeutung – ein wichtiges Grundwissen sozusagen zur Beurteilung von negativen oder positiven Auswirkungen, bzw. Einflüssen ( auf die Persönlichkeitsentwicklung).Der entwicklungspsychologische Aspekt der Sexualität nach Freud (kurz gefasst):

Die Entwicklungspsychologie sieht es als Grundgesetz an, dass jeder Entwicklungsprozess in Stufen abläuft: Die Entwicklung der Intelligenz ebenso wie die motorische Entwicklung, die Sexualentwicklung etc. Jegliche Entwicklung vollzieht sich schrittweise und braucht Zeit.

Nach Freud beginnt die Sexualentwicklung schon bei der Geburt:

A) Autoerotische Phase:

   In der Kindheit steht in der Gesamtentwicklung die Selbstentfaltung und das Erleben des eigenen Körpers im Vordergrund. Das Kind kann daher auch als „Entwicklungsegoist“ bezeichnet werden, da es sich noch nicht richtig auf ein „du „ ausrichten kann. Das Kind befindet sich in einer Lernphase, in der der eigene Körper und die Erfahrungen der Eigenreaktionen im Vordergrund stehen. Erst bis diese Grunderfahrungen gemacht wurden, wird von der Natur ein eigenes Programm eingegeben. Es erfolgt ein Hormonstoß und die Geschlechtsdrüsen beginnen zu arbeiten; dies führt zu tiefgreifenden Veränderungen in der Persönlichkeit - man spricht von der Pubertät. Es kommt in der sexuellen Komponente der Persönlichkeit zu einer Weiterentwicklung :

 B) Heteroerotische Phase:

   Der bisher entwicklungsegoistische Mensch wird nun auf ein „Du“ hin ausgerichtet; auch hier findet wieder ein schrittweiser Prozess statt: das Interesse des Menschen entzündet sich vorerst am gleichgeschlechtlichen „Du“: aa) „Homosexuelle Phase“: Der Mensch erlebt erstmals im Leben mit Faszination ein „Du“ - jedoch ein gleichgeschlechtliches. Es entwickeln sich Exklusivfreundschaften und Schwärmereien junger Menschen. Es wird das Einstellen auf den Partner am eigenen Geschlecht geübt. Erst bis diese Erfahrung auch mit der eigenen Gefühlswelt gemacht wurde, kommt es zur nächsten Phase: 
bb)“ Heterosexuelle“ Phase: Erst jetzt wird das andere Geschlecht interessant: die äußeren Zeichen für dieses Interesse sind rüpelhaftes Benehmen der Jungen und das Kichern der „Backfische“ als erste unbeholfene Kontaktversuche mit dem anderen Geschlecht. Doch wieder setze ein Entwicklungsprozess ein, in dem eine völlig undifferenzierte Reizverarbeitung und Reizreaktion immer differenzierter wird. Diese Entwicklung ist bei Mann und Frau sichtbar, (Freud beschreibt sie nur beim Mann) Wenn die Phasen bei der Frau auch nicht so krass in Erscheinung treten:  

1) Instinktive Teilphase: Jedes andersgeschlechtliche Wesen ist interessant und wird als faszinierend erlebt. Wird in dieser Phase ein Geschlechtsverkehr ausgeübt, so steht nicht so sehr die Person des Partners im Vordergrund, sondern Triebbefriedigung und , damit verbundene Selbstbestätigung. Es wird also hinsichtlich des Partners in keiner Weise differenziert.  Männer, die in diesem Stadium stehen geblieben sind, werden häufig als „Schürzenjäger“ oder „Don Juan –Typen“ bezeichnet:  
 2) Typenselektionsphase: in diesem Abschnitt der Sexualentwicklung wird nicht mehr jeder heterosexuelle Geschlechtspartner akzeptiert, sondern nur mehr ein ganz bestimmter Typ. Es setzt also eine Differenzierung des Partners ein, aber in Hinblick auf rein äußerliche Merkmale wie: Augenfarbe, Haarfarbe, Körperbau, etc. in meist stereotyper Form. Charakterlich „Wunschmerkmale“ werden hinzuprojiziert. Die Fähigkeit, den Partner so zu sehen wie er tatsächlich ist, sich also auf ein Einzelindividuum einzustellen, fehlt noch. Eine Bindung in dieser Phase wäre daher verhängnisvoll.   
3) Phase der individuellen Selektion: Erst nach Überwindung der Typenselektionsphase tritt der Mensch in ein Stadium körperlicher und geistiger Reife, in der er Partnerfähig wird, d.h. er ist in der Lage, den Partner in seiner persönlichen Vielschichtigkeit und Differenziertheit voll zu akzeptieren. Die Reife für den Aufbau einer tragfähigen menschlichen Bindung ist gegeben. Das Schwergewicht liegt also beim personalen und nicht mehr funktionalen Aspekt.

Für uns als Eltern und Verantwortliche ergibt sich daher die Frage: Inwieweit und durch welche Verhaltensweisen wird der Ablauf der Sexualentwicklung beeinflusst.

Eine Lösung von der Fixierung auf die Sexualproblematik und Ausrichtung auf geistige Werte lässt die Sexualentwicklung rascher ablaufen. Zugleich mit der Mobilisierung des Sexualtriebes wird der Mensch ja auch fähig zu einer radikalen Werterkenntnis und erlebt die Faszination geistiger Dimensionen.

Nach BAYER-KLIMPFINGER ist dies „die Entdeckung der Innerlichkeit in der Hochpubertät“. Dies stellt das Gegengewicht zur Triebkomponente dar. Zugleich vollzieht sich die allmähliche Loslösung von der Elternabhängigkeit, was eine Verstärkung der Ausseneinflüsse mit sich bringt. In dieser Phase ist also eine Manipulation durch die Umwelt in besonderem Masse erleichtert. 

Werden nun keine Werte geboten, eröffnet sich dem Heranwachsenden keine andere Dimension, außer jener der Sexualität, so kommt es zu einer echten Hinderung in der Sexualentwicklung. 

VORVERLEGTES SEXUALVERHALTEN UND SEINE AUSWIRKUNGEN AUF DIE PERSÖNLICHKEITSENTWICKLUNG

In Betrachtung der in Teil I dargestellten Entwicklungspsychologie kann gesagt werden, dass eine Partnerbindung erst nach Durchlaufen aller Phasen der Sexualentwicklung günstig ist; eine Vorverlegung der Partnerbindung wirkt sich störend auf die weitere Entwicklung aus und der Erfolg ist in Frage gestellt. 

Die ARBEITSGEMEINSCHAFT FÜR PRÄVENTIVPSYCHOLOGIE hat 1977 in Wien eine „Makropsychologische Studie der Europäischen Familienstruktur“ durchgeführt. Im gesamten europäischen Raum sind ähnliche Tendenzen festzustellen: Das Sexualverhalten wird immer mehr vorverlegt. Gleichzeitig verschiebt sich das Heiratsalter nach vorne (im Süden Europas mehr als im Norden) und ist eine Zunahme an frühen Geburten festzustellen: Früh in Bezug auf das Alter der Mutter :unter 20J., als auch früh in Bezug auf den Beginn der Ehe. Überraschender weise geht diese Zunahme an frühen Geburten nicht Hand in Hand mit einer steigenden Geburtenfreudigkeit; überraschend anbetracht der zahlreicher gewordenen Verhütungsmittel und der großzügiger gehandhabten Fristenlösung auch für junge Mädchen.  Mit der Sexualität alleine können diese Phänomene nicht erklärt werden; vielmehr spielt hier der Zerfall des europäischen Familiensystems eine gewichtige Rolle.

Eine zunehmende Isolierung der Kernfamilien in Europa führt zu Mangelerscheinungen in ihrer Sozialisierungsaufgabe. Dies führt zu größerer Häufigkeit vorverlegten Sexualverhaltens. Dies wäre ein Hinweis darauf, dass frühes Sexualverhalten ein Symptom für Störungen im Bereich der Familie darstellt, bei denen der Sozialisationsprozess nicht dem Bedarf entsprechend stattfinden konnte. Mangel an Geborgenheit in der Familie führt zu einem Mangel an Urvertrauen (ERIKSON), aber auch zu einem Mangel an Selbstvertrauen. Dies wiederum ruft das Streben hervor, die nicht in genügendem Maß erhaltene Wärme und Liebe in anderer Weise (z.B. in anderen Beziehungen) nachzukonsumieren; frühe Partnerbindungen können die Folge sein. In Amerika konnten MOSS und GINGLES nachweisen, dass vor allem Studentinnen, die im Elternhaus emotionellen Mangel erleiden und bereits Störungen aufweisen, zu frühen Partnerschaften und zum Abbruch des Studiums neigen. Emotional stabile Mädchen hingegen ziehen es viel mehr vor, vor einer Bindung den Prozess der eigenen Identitätsfindung abzuschließen. 

Frühe Bindungen, ob durch Partnerschaft oder Geburt eines Kindes haben eine stark negative Auswirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen – er scheint in der Weiterentwicklung gehemmt oder gebremst zu sein. Weiters zeigen sich im Zusammenhangmuster der Studie starke positive Korrelationen zu negativen Sozialindikatoren wie Selbstmord. Mord- und Gesamtkriminalität. Diese Zusammenhänge zeigen sich sowohl für frühe, als auch für uneheliche Geburten. 

Die vorgebrachte Hypothese, dass vorverlegtes Sexualverhalten zu Entwicklungsstörungen führt wird durch ein weiteres Phänomen bestätigt: Nach Freud kann es ja erst dann zu einer echten Personenbindung kommen, wenn die intellektuelle Selektionsphase erreicht ist. Im Stadium der instinktiven Teilphase oder der Typenselektionsphase ist eine echte DU-Relation nicht möglich! Folgerichtig bedeutet dies, dass eine bestimmte Einstellung - das positive Sich-hinwenden zu einem Partner erst nach dem beschriebenen Reifeprozess möglich ist (vgl. Identitäts- und Lebenszyklus/ERIKSON). Wird diese Entwicklung gehemmt, kommt es gar nicht zur Ausbildung der Einstellung, die für eine Partnerbindung grundlegend notwendig ist; so ist es nicht verwunderlich, dass frühe Geburten = frühes Sexualverhalten mit frühen Scheidungen einhergeht und auch dieselben Korrelationen zu negativen Sozialindikatoren aufweist. Es sind die Folgen von Bindungen zu denen man die nötige Reife noch nicht besitzt.   

 

 

Mit Herz und Hand ist die Online Zeitschrift der 
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