VERDIENTE ÖSTERREICHERINNEN 

 

Jeder Millimeter hat Sinn

Ein Gespräch mit Margarete Schütte Lihotzky
von Eugenie Kain

Die Augen spielen nicht mehr mit, sonst würde sie wahrscheinlich noch bauen. Öffentliche Aufträge gäbe es jetzt. Sie wohnt mit Kater Schurli in einer funktionellen und gemütlichen Wohnung, hat bis jetzt die Pflanzen im Dachgarten selbst betreut und gepflegt, passt beim Essen mit dem Zucker auf, weil sie noch sehr alt werden möchte und ist selbst das beste Beispiel ihres Grundsatzes: "Architektur hat mit Gesinnung und Weltanschauung zu tun".

Grete Schütte Lihotzky ist im Jänner 100 Jahre alt geworden. Anzumerken ist ihr das nicht. Sie ist vital und lebhaft am Welt - und am "Provinz" - Geschehen interessiert, empfängt, bewirtet und beantwortet alle Fragen geduldig und umfassend. Die vielen Interviews rund um den hundertsten Geburtstag waren schon ein bisschen anstrengend, aber ihr Ehrenfest im MAK (Museum für angewandte Kunst) war "locker und lustig". Ein Komitee, bestehend aus VertreterInnen jener Institutionen , in denen Grete Schütte Lihotzky gearbeitet hat, hat das Geburtstagsfest organisiert. So gab es unter anderem Gratulationen vom Künstlerhaus, von der KPÖ, vom Urania - Frauenkomitee und von jenem Brigittenauer Kindergarten, den Grete Schütte gebaut hat.
Schütte: Es müssen mehr als 860 Leute da gewesen sein. Denn als die Galerie im MAK auch noch voll war, haben sie sperren lassen. Gefreut hat mich, dass die Kommunisten und die Sozialisten zusammen waren. Es waren ja viele Sozialisten da: Der Scholten war da, der Vranitzky war da, der Bürgermeister Häupl war da, die Pasterk war da, stell' dir vor, die Heide Schmidt war da, der neue Stadtrat für Kultur von der  ÖVP, Marboe, war auch da, sehr viele Architekten natürlich und sehr viele junge Leute, Architekturstudenten wahrscheinlich. Es war dunkel und ich seh' schlecht. Jedenfalls war es eine sehr schöne Sache, dieses Zusammengehen von Sozialisten und Kommunisten, sehr lustig und locker, gar nicht förmlich und gespreizt. Der Scholten hat sehr nett gesprochen. Er hat gesagt, dass es ihn besonders freut, dass seine letzte Aktivität als Minister die Gratulation zu meinem hundertsten Geburtstag ist und hat mir eine schöne Rose überreicht. Sehr schön war auch die Idee, die Fahnen der Länder zu flaggen, in denen ich gelebt habe. Da kommt nämlich eine Menge zusammen. Österreich, Deutschland - in Frankfurt 5 Jahre, Sowjetunion 7 Jahre, Frankreich 1 Jahr, die Türkei, die DDR und Kuba. Da muss man hundert Jahre alt werden...
Weil ein "Hunderter" eine nicht ganz alltägliche Sache ist, noch dazu der hundertste Geburtstag der ersten österreichischen Architektin, die weltweit zum Inbegriff für modernes und soziales Bauen wurde, kam kaum jemand umhin, die Jubilarin in ihrer Gesamtheit zu würdigen. Gesamtheit heisst, auch auf ihre Arbeit im Widerstand einzugehen, die ihr um ein Haar den Kopf gekostet hätte und auf ihre Parteizugehörigkeit, die ihr rund 40 Jahre lang den verordneten Ausschluss von öffentlichen Aufträgen, also de facto Berufsverbot, einbrachte. Die LeserInnen der Oberösterreichischen Nachrichten bekamen als Würdigung eine in diesem Zusammenhang sehr verkürzte und verzerrte Version zu Gesicht, Zitat OÖN vom 23.1.97: "Ihr sozialpolitisches Engagement, das sie eine Zeitlang mit der KPÖ verband, hätte in der Zeit des Kalten Krieges fast ihre berufliche Existenz beendet...." Kein Wort über Grete Schütte-Lihotzkys Kampf gegen das faschistische Regime und für das Wiedererstehen Österreichs. Diese "Zeitlang mit der KPÖ" währt übrigens bereits 58 Jahre.
Kain: Hast Du Verbindungen zu Linz?

Schütte: Als Kind war ich oft in Linz, in den Ferien. Mein Vater liebte langsame Schifffahrten vor allem bergauf, es dauerte eine Nacht und noch einen halben Tag und dann waren wir erst in Linz.
Aber wenn ich an Linz denke, denke ich an die Anni Haider.
Anni Haider wurde 1902 in Wien geboren, musste mit 14 in die Fabrik, war mit 18 Betriebsrätin und verteidigte im Februar 34 mit dem Gewehr in der Hand den "Goethehof". Seit Herbst 1938 war sie am Aufbau illegaler KP - Gruppen beteiligt. Im Februar 1941 wurde sie verhaftet und bei den Verhören verletzt. Im Inquisitenspital organisierte sie gemeinsam mit den geistlichen Schwestern Verpflegung und Nachrichten für die politischen Gefangenen. Nach 1945 zog sie mit ihrem Mann nach Linz.

Schütte: Ich bin verhaftet worden und wie alle ins Polizeigefängnis, in die Liesl gekommen. Dort bin ich genau 3 Monate gesessen von 22. Jänner '41 bis 22. April '41. Erst nach drei Monaten bin ich überstellt worden. Das war eine Seltenheit, ich habe 3 Monate Verhöre gehabt, insgesamt 14 Gestapoverhöre. Das war ausserordentlich viel. 
Manche Genossinnen haben nur ein oder zwei Verhöre gehabt. Und ich konnte ja eigentlich nichts aussagen über Österreich und über Österreich haben sie mich ja gar nichts gefragt. Deshalb haben sich die anderen Genossen viel mehr bei der Gestapo mitgemacht. Sie sind geprügelt worden, um Aussagen über die hiesige Organisation zu erreichen. Von mir wollten sie nur etwas über die Arbeit im Ausland wissen. 

Im Polizeigefängnis durfte ich nur mit Kriminellen zusammensein. Nach den drei Monaten bin ich von der Elisabethpromenade in die Schiffamtsgasse transportiert worden. In diesem Transporter habe ich die Anni Haider zum ersten Mal in meinem Leben gesehen. Dort sind wir auswaggoniert worden und jede ist in den 4. Stock in Einzelhaft gekommen. Wir waren 15 Frauen. Das waren sozusagen die Schweren. 2 Geschosse Männer und 2 Geschosse Frauen, durch die Klosettrohre konnten wir miteinander sprechen. 

Das Gefängnis war ums Eck gebaut, sodass wir Augenkontakt hatten und uns in der Stummerlsprache unterhalten konnten. Ich bin in die Zelle gekommen, war noch erschrocken, weil ich gesehen habe, dass ich in der Zelle allein bin. Kaum fällt das Türl zu, ruft jemand: Neue, geh' ans Fenster. Man hat mir gesagt, ich soll den Hocker auf die Pritsche stellen und darauf noch ein Schemerl und wenn ich da hinaufsteige, kann ich mit den anderen sprechen. 

So habe ich schon während der ersten 10 Minuten das Gefühl gehabt, dass ich nicht allein bin. Ich erinnere mich. Ich habe einmal einen ganzen Vortrag über die Türkei in der Stummerlsprache gehalten. So habe ich die Anni Haider kennengelernt. Näher kennengelernt habe ich sie dann eineinhalb Jahre später. Ich war in meiner Zelle bis zur Verhandlung im September '42. Am 22. September sind wir dann zu sechst, der Erwin Puschmann, Franz Sebek, der Genosse Lisetz, Anna und Franz Haider wegen Vorbereitung zum Hochverrat vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofes gestanden.
 
Ich bin ein optischer Mensch, ich sehe alles bildlich, wir sind in zwei Reihen gestanden. Unsere Verhandlung war die längste, die im Landesgericht stattgefunden hat. Wir haben unser Schlusswort gehalten, der Staatsanwalt forderte das Todesurteil. Das Gericht hat sich dann lange zur Beratung zurückgezogen, Die Anni und ich sind während dieser Zeit mit dem Gerichtsdiener in eine Zelle gesperrt worden, ich bin auf der Bank gesessen, neben mir der Schupo, die Anni ist ganz aufgeregt auf und ab gegangen. Der Schupo hat zur Anni gesagt, "Sie kommen vielleicht mit dem Leben davon, aber Ihnen", er meinte mich, "glaubt doch kein Mensch."
Erwin Puschmann, Genosse Lisetz und Franz Sebek sind zum Tod verurteilt worden, Anni Haider und ich wurden zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, ihr Mann zu 13 Jahren. Für mich war es ein Wunder. Ich vermute, dass sie mich aus aussenpolitischen Gründen nicht zum Tode verurteilen wollten. Die Türkei war damals noch neutral. Wir sind nach Bayern ins Zuchthaus Aichach überstellt worden. Die Anni war in sehr guter Verfassung, sie war äusserst lustig. 

Die Lustigen haben die Traurigen aufgeheitert. Wir waren in kleinen Coupes in normalen Waggons, nur die Fenster waren vergittert. Ich war mit der Anni Haider in einem Coupe. Die Anni hat Witze erzählt. Ich habe so ein blödes Hütchen gehabt. Ich bin doch als elegante Dame von der Türkei nach Wien gereist. Meine übrige Kleidung hat meine Schwester abgeholt, aber das Hütchen hat sie vergessen. Das war so ein feines Hütchen aus blauen Federn, ganz elegant. Mit diesem Hütchen haben wir die ganze Fahrt unseren Spass gehabt, besonders die Anni, die hat das schief aufgesetzt. Wir haben versucht, die anderen Frauen aufzuheitern. Die Wilma Tessarek war traurig. Die hat sich dann das Leben genommen. Das war der einzige Selbstmord, den ich im Gefängnis erlebt habe. Sie hat lebenslänglich bekommen, weil sie im Keller einen Abziehapparat versteckt gehabt hat. Das war alles. Der Mann hat sie verlassen, der war im Feld. In Aichach hat sie sich erhängt. Das war zwei, drei Zellen weg von mir.

Ich hab' mich als protestantisch gemeldet und musste deswegen am Sonntag nicht in die Kirche. Die Wilma hat gesagt, sie will nicht in die Kirche gehen. Ihre Zellengenossinnen wussten schon, dass sie sehr trübsinnig ist. In meiner Zelle habe ich auf einmal so einen plumpen Ton gehört. Ich habe mir gedacht, irgendwo ist etwas runtergefallen. Nach dem Gottesdienst war auf dem Gang dann grosser Tumult: Die Wilma hat sich aufgehängt. Wir Politischen konnten uns in Aichach schwer verständigen. Höchstens beim Hofgang. Da musste man Zelle für Zelle gehen. Da konnten wir uns höchstens durch Bauchreden mit den Frauen der Nachbarzellen unterhalten. Bauchreden kann ich heute noch. An diesen Transport erinnere ich mich noch gut, aber dann sind wir auseinandergerissen worden, in Einzelzellen. Die Anni war ziemlich weit weg von mir. Wir hatten eigentlich keine rechte Verbindung.

Am 29 April 1945 sind die Amerikaner gekommen und haben die Türln aufgesperrt. Aber wir sind erst am 19. Mai weg, weil es ja keine Verkehrsverbindungen gab, wir waren zu schwach, um zu Fuss zu gehen. Als wir dann eine Gelegenheit hatten, mit dem Auto zu fahren, sind die Anni und ich nach München gekommen. Das war eine herrliche Fahrt. Dort ist die Gegend sehr hübsch. Es war ein wunderbarer Mai und wir auf zwei offenen Lastautos. Seit Jahren bin ich zum ersten Mal nicht in einem vergitterten Transporter gesessen.

Bei mir ist dann die TBC wieder aufgeflackert und ich musste zur Behandlung nach Hochzirl. Nach der Genesung versuchte ich von Innsbruck nach Wien zu kommen. Das war sehr kompliziert, es waren ja die Brücken zerstört. In Linz hat mir dann die Haider Anni weitergeholfen. In Steyr konnten wir nicht auf die russische Seite, weil die Amerikaner irgendwelche Papiere wollten, die wir nicht hatten. Also mussten wir zurück nach Linz. Dort hat uns die Anni Haider einzeln mit gefälschten Personalkarten in der Tramway von Linz nach Urfahr, von der amerikanischen in die russische Besatzungszone geschmuggelt. 

Dort gab es eine Anlaufstelle für befreite Gefangene und dort hat man uns zum übernachten eine Wohnung zugewiesen. Es war eine grosse Wohnung und sie war vollkommen leer. An den blanken Fussboden kann ich mich noch genau erinnern und am nächsten Tag fuhren wir mit einem Lastwagen, vorbei an Mauthausen. Mit einer Zille setzten wir über die Donau, ab St. Valentin ging es mit dem Zug weiter. Für die Strecke Wien-Linz brauchte der Zug 24 Stunden.
Ich habe dann später einmal bei der Anni übernachtet, das war anlässlich eines Frauentages. Wir standen auch in Verbindung. Die Anni übersiedelte dann in ein Seniorenheim, glaube ich.

Kain: Ja, ins Hillinger - Heim.

Schütte: Also das sind so meine Verbindungen zu Linz.

Kain: Deinem Wunsch, Architektin zu werden, lagen ja nicht "frauenrechtlerische" Motive zu Grunde, sondern deine Begeisterung für Mathematik.

Schütte: Meine Motive waren vielschichtig. Da war die Faszination des Mathematischen. Ein jeder Millimeter hat Sinn, jeder Millimeter wird ins Dreidimensionale umgesetzt und hat Funktion. Dann war da der soziale Aspekt. Das Wohnhaus ist die realisierte Organisation unserer Lebensgewohnheiten. Und schliesslich war dann noch der künstlerische Aspekt für mich ein Anspruch. Man zeichnet etwas, das wird dann umgesetzt und beeinflusst die tägliche Umgebung des Menschen, seine Sinne und Nerven sind ununterbrochen mit dieser Umgebung in Austausch. 

Darin sehe ich die künstlerische Herausforderung der Gestaltung.
Natürlich haben mir alle abgeraten, Architektin zu werden. Mein Lehrer Strnad, mein Vater und mein Grossvater. Nicht weil sie reaktionär waren, sondern weil sie Angst gehabt haben, dass ich mit diesem Beruf verhungere. Es war ja damals nicht vorstellbar, sich von einer Frau ein Haus bauen zu lassen. Ich konnte es mir ja selbst nicht vorstellen. Mein Vater hat gefragt: "Wo wirst du denn arbeiten?" Und ich habe gesagt: "Ich werde halt in irgendeinem Büro Pläne bearbeiten." Dass mich jemand Häuser bauen lässt, konnte ich mir damals selber nicht vorstellen. Bei meinen ersten Preisen und Auszeichnungen wurde immer die Rationalität meiner Entwürfe gelobt. Auch das hat man einer Frau nicht zugetraut.

Kain: Dir ist es ja auch nicht ganz recht, wenn du ausschliesslich mit der "Frankfurter Küche" in Verbindung gebracht wirst.

Schütte: Schau, ich bin eine alte Systematikerin. Die Frankfurter Küche war Teil eines ganz neuen Wohnbauprogramms in Frankfurt. Da ging es um Rationalisierung von Bauprozessen und damit verbunden um Normierung von Bauteilen. Auch Bereiche der Wohnungsaustattung sollten rationell gestaltet werden.

Margarete Schütte-Lihotzky arbeitete in der Typisierungsabteilung des Hochbauamtes und entwickelte dort eine arbeitssparende Einbauküche, die der Frau die Doppelbelastung erleichtern und die Isolation von der Übrigen Familie während der Küchenarbeit aufheben sollte. Ausserdem entwarf sie in Frankfurt eine Zentralwäscherei für eine Siedlung, Kindergärten, oder die "Wohnung für die berufstätige Frau", die darauf ausgerichtet war, der Frau möglichst viel Hausarbeit durch zentrale Dienstleistungseinrichtungen und durch funktionale Ausstattung der Wohnung zu ersparen und zu erleichtern.

Schütte: "Die Frankfurter Küche" war ursprünglich ein Werbeslogan von Baustadtrat May, der für unser ganzes Wohnprogramm stand.

Kain: Die Küche ist bis ins kleinste Detail durchdacht. Die Arbeitswege hast du mit der Stoppuhr abgemessen und die Farbe Blau für die Lackierung der Schränke hast du deshalb gewählt, weil du von Farbpsychologen der Universität Frankfurt erfahren hast, dass intensives Blau von Fliegen besonders gemieden wird.

Schütte: Ja , so ist das.

Kain: In der Sowjetunion warst du dann für Kinder- und Jugendeinrichtungen zuständig.

Schütte: Die Arbeit in der Sowjetunion war eine ungeheure Aufgabe. Wir sind im Rahmen des 1. Fünfjahresplanes eingeladen worden, am Aufbau mitzuhelfen. Da gab es die verschiedenen Klimazonen, die verschiedenen Kulturen, die mangelnden Transportwege und die jeweiligen Baumaterialien bei der Planung zu berücksichtigen. In Magnitogorsk zum Beispiel haben wir eine Stadt für rund 200 000 Einwohner, also so viele wie in Linz, entworfen. 

Ich habe die Kindereinrichtungen entworfen. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Ankunft in Magnitogorsk. Ich bin mit dem Zug von Moskau 5 Tage und 5 Nächte hingefahren auf diese Riesenbaustelle und habe "meinen" Kindergarten gesucht. Das war nicht leicht. Der Polier sprach nur kirgisisch. Gebaut wurde der Kindergarten von jungen kirgisischen Frauen. Die hatten alle so viele lange Zäpfchen. Die waren die Maurerinnen. Man hat mir erzählt, dass die vor einigen Monaten noch in der Steppe nomadisiert sind. Die hat man dann im Maurerberuf angelernt und dann haben sie den Kindergarten gebaut.

In der Sowjetunion habe ich später auch Kindermöbel entworfen. Das war ein Privatauftrag und ganz etwas neues. Kindergerechte Möbel, nicht für öffentliche Einrichtungen, sondern für daheim. In diesem Zusammenhang bin ich sogar einmal mit Chruschtschow zusammengekommen. Ich habe die Pläne entworfen, es war ein gutbezahlter Auftrag, aber es gab keine Chance, dass die Möbel in Produktion gingen. Die Leiterin eines Freizeitparks hat mir dann geraten, doch einmal beim Stadtparteileiter, das war damals Chruschtschow, vorzusprechen. Ich bin also hin mit meinen Plänen, habe alles erklärt, er hat gesagt, das ist ja sehr interessant, sie werden sich das überlegen. 

Ich war nicht sehr optimistisch nach diesem Gespräch. Aber einige Tage später hat eine Tischlerei angerufen, sie sei interessiert, Prototypen herzustellen. Ich weiss noch, da waren mit bunten Bändern bespannte Kinderstühlchen dabei. Ich habe die Bänder besorgt und bin dann mit so einem Stühlchen in der Metro gefahren. Und ununterbrochen haben mich die Leute angesprochen, wo es solche Möbel zu kaufen gibt. Ob die Möbel dann wirklich in Produktion gegangen sind, weiss ich nicht.

Von der Sowjetunion reiste Schütte-Lihotzky mit ihrem Mann zuerst nach Frankreich. Weil es dem Ehepaar dort nicht gelang, sich eine Existenz aufzubauen, übersiedelte es in die Türkei. Die Architektin arbeitete dort für das türkische Unterrichtsministerium und plante unter anderem Frauenschulen für Anatolien. In der Türkei schloss sie sich dem Österreichischen Widerstand an und wurde 1939 Mitglied der Kommunistischen Partei. Von der sicheren Türkei reiste sie 1941 nach Österreich, um den Kontakt zu den im Untergrund arbeitenden WiderstandskämpferInnen herzustellen. Durch Verrat eines Spitzels flog die Gruppe auf. Margarete Schütte-Lihotzky und ihre GenossInnen wurden verhaftet. Sie überlebte als einzige ihrer Widerstandsgruppe. "Oft fragen mich verschiedenste Leute, warum ich aus dem sicheren Ausland nach Wien gefahren bin. Immer wieder empört mich diese Frage, immer wieder bin ich entsetzt über die mir so fremde Welt, in der diese Frage überhaupt eine Frage ist."

Kain: Verfolgst du das Entstehen der "Stadt der Frauen" in Transdanubien, der Wohnsiedlung, die ausschliesslich von Architektinnen geplant worden ist und weiblichen Wohnbedürfnissen Rechnung tragen wird?
Schütte: Ja natürlich. Da sollte ich ja zuerst bei der Planung mittun. Aber mit meinen Augen geht das nicht mehr. Also war ich in der Jury. Das sind ganz interessante Entwürfe. Ich bin schon gespannt auf die Umsetzung. Ich werde mir das sicher in nächster Zeit einmal anschauen. Die Wohnungen sollen ja bereits im September bezogen werden können. Das interessiert mich sehr. Hier sind ja hervorragende Architektinnen am Werk.

Literaturempfehlungen:
Zu Schütte-Lihotzky: "Erinnerungen aus dem Widerstand", Wien, Promedia 1994, 218 Schilling
"Soziale Architektur. Zeitzeugin eines Jahrhunderts." Ausstellungskatalog, Wien 1993
Zu Anni Haider und Frauen im Widerstand: "Der Himmel ist blau. Kann sein. Frauen im Widerstand Österreich 1938 - 1945", Promedia, Wien 1985 

 

Betrifft Widerstand
die Zeitschrift des Vereins Widerstands-Museum Ebensee

Nr. 48, März 2000
Margarete Schütte-Lihotzky
Ein Porträt
von Andrea Königsmaier

Margarete Schütte-Lihotzky, die erste Architektin Österreichs, erlag am 18. Jänner 2000, nur wenige Tage vor ihrem 103. Geburtstag, einem Herzversagen. Als Anerkennung einer großen Architektin, einer politischen Frau und einer Persönlichkeit mit ausgeprägtem sozialem Gewissen sei der folgende Nachruf gewidmet.

 

Am 23. Jänner 1897 wurde Margarete Lihotzky in Wien geboren und wuchs in einer bürgerlichen Familie auf.

Neben zahlreichen Ehrentitel, die allesamt erst zu einem späten Zeitpunkt eine Anerkennung der Leistungen von Margarete Schütte-Lihotzky gerecht wurden, sollte ihr 1988 das österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst überreicht werden. Da diese Auszeichnung vom damaligen Bundespräsidenten Dr. Kurt Waldheim verliehen worden wäre, verweigerte sie zunächst die Annahme und wartete mit der Verleihung auf seinen Amtsnachfolger. Margarete Schütte-Lihotzky bleibt uns als Vorkämpferin für eine bessere und gerechtere Welt in Erinnerung.

Rationalisierung statt Emanzipation 

Als Frederick Winslow Taylor 1917 knapp 60-jährig mit einer Uhr in der Hand starb, war die Welt nicht mehr, wie sie zuvor war. Sein ganzes Leben widmete der Quäkerssohn der Erforschung der betrieblichen Effizienz, "die tagtägliche Vergeudung menschlicher Arbeitskraft durch ungeschickte, unangebrachte oder unwirksame Maßnahmen" war ihm ein Gräuel. Taylor sezierte die Arbeit wie ein Pathologe, zerlegte sie in Bewegungsabläufe, in immer kleinere Einheiten, maß sie in Zeit und Raum und fasste seine Theorie 1911 in der 156-seitigen Schrift "Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung" zusammen, Motto: "Bisher stand die Persönlichkeit an erster Stelle, in Zukunft wird die Organisation und das System an erste Stelle treten." Zu den aufmerksamen Leserinnen dieses Buches gehörte auch Margarete Schütte-Lihotzky. 

Der Herd zum International Style 

Das neue Bild der Moderne erfasste alle Lebensbereiche. Europäische Künstler wie die italienischen Futuristen versuchten, die Formen und Werte der modernen Technologie auf Leinwand zu bannen. Architekten um Walter Gropius entwarfen den "internationalen Stil". Der Bauhaus-Gründer glaubte, dass Fabriken und andere Industriebauten den Geist der Zeit ausdrücken sollten, wie es die Kathedralen im Mittelalter taten. Gropius ("Kunst und Technik - Eine neue Einheit", 1921) sah die Zeit reif für das in Massenproduktion hergestellte Haus. Und was für das Haus galt, sollte vor der Küche nicht Halt machen. Margarete Schütte-Lihotzky untersuchte die Arbeitsabläufe in der Küche genau, um dann die Möbel so arbeitssparend wie möglich anzuordnen. Das zentrale Thema ihrer Arbeit in den 20er Jahren war die Frage: Wie kann man der Hausfrau durch richtigen Wohnbau Arbeit ersparen? Und damit Zeit, deren Mangel die neue Berufstätigkeit mit sich brachte. Dass die Küche für die Frau effizient organisiert sein müsste, war trotz aller Fortschrittlichkeit auch 1926 noch keine Frage. 

Serielle Produktion

Ergebnis dieser Taylorisierung der Küchenarbeit war jedenfalls die heute weltberühmte "Frankfurter Küche". Als erste moderne seriell hergestellte Einbauküche entstand sie 1927-28 im Rahmen von Ernst Mays sozialreformerischem Bauprogramm "Das neue Frankfurt". Nur sechseinhalb Quadratmeter groß, war die Frankfurter Küche durch Raumökonomie und streng funktionale Einrichtung ein Beitrag zur "Rationalisierung der Hauswirtschaft" und wurde bis 1930 in rund 10.000 Wohnungen der Frankfurter Sozialsiedlungen eingebaut. Die Frankfurter Küche war das Vorbild der "Schwedenküche", die seit den 50er Jahren weltweit Einzug in den Haushalt hielt. Das hat Margarete Schütte-Lihotzky konsequenterweise 1989 auch den IKEA-Preis eingetragen.Der Entwurf sollte sich folgenreich in der Entwicklung der modernen Einbau-Küche auswirken, in der schwedischen Essküche, aber auch in Konterkarierung ihrer Intentionen zum Küchenkammerl der Nachkriegsjahre. Kritiker warfen ihrem Entwurf vor, er hätte ganz im Stil der Zeit die Arbeitsgänge rationalisiert und so eher die Menschen an die Objekte als umgekehrt angepasst. Die Architektin konterte: "Die 'Frankfurter Küche' ist auch als Umsturz der Eigentumsverhältnisse zu sehen, da die eingebauten Möbel Eigentum der Stadt waren, die diese dann auch bei Bedarf renovieren musste."
Der Preis der politischen Überzeugung

Die 1897 in Wien geborene Beamtentochter Margarete Schütte-Lihotzky studierte von 1915 bis 1919 an der Kunstgewerbeschule in Wien bei Oskar Strnad und Heinrich Tessenow Architektur. Josef Hoffmann, der an ihrer Ausbildungsstätte zur Baukünstlerin, der K.K. Kunstgewerbeschule, unterrichtete, hatte sie anfangs abgelehnt. "Mädeln durften nur in seine Modeklasse, da Hoffmann überzeugt war, es sei alles umsonst, weil die Mädchen eh' alle heiraten", erinnerte sich Schütte-Lihotzky später. Besonders stolz war sie etwa auf ein Originalzeugnis von Loos, den sie als eleganten Herrn, der nur mit silbernem Stift skizzierte, in Erinnerung hat: "Er hat mich als 'fleißig und brav' beschrieben - und seine Bemerkung 'sie stellt ihre männlichen Kollegen in den Schatten' hat mich natürlich hoch erfreut." Der Reihe von Preisen, die sie schon in ihrer Studienzeit einheimsen konnte, folgte 1920 ein Preis in einem Schrebergartenwettbewerb, der sie mit der Siedlerbewegung in Kontakt brachte. 1922 trat sie ins Baubüro des Verbands der Siedler- und Kleingartenwesen ein. Die Frankfurter Jahre 1926 wurde sie von Ernst May ins Frankfurter Hochbauamt gerufen, wo sie sich in der Typisierungsabteilung mit der Rationalisierung in der Hauswirtschaft beschäftigte. Sie entwarf Einrichtungen für Kindergärten, Wäschereien und unter anderem Wohnungstypen für die berufstätige, alleinstehende Frau und ihre berühmt gewordene "Frankfurter Küche".

In Frankfurt heiratete Margarete Lihotzky ihren Architektenkollegen Wilhelm Schütte. Und mit Ernst May folgte das Ehepaar 1930 einer Einladung in die Sowjetunion, wo Schütte-Lihotzky sieben Jahre lang von Moskau aus als Leiterin einer Planungsabteilung Typisierungen für Kindergärten, -krippen und -möbel für die neuen, großen Städte der Schwerindustrie entwickelte. Nach einem einjährigen Paris-Aufenthalt folgte sie 1938 einer Einladung von Bruno Taut nach Istanbul, wo sie an Schul- und Kindergartenprojekten arbeitete, unter anderem an der Typisierung von Dorfschulen. Arbeit für den Widerstand 1940 ging die überzeugte Antifaschistin nach Wien, um eine Verbindung des österreichischen Widerstandes mit dem Ausland herzustellen. Sie wurde jedoch nach einigen Wochen von der Gestapo verhaftet, vom Berliner Volksgerichtshof nach Beantragung des Todesurteils zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und bis 1945 inhaftiert. "Vier Jahre, drei Monate und eine Woche habe ich abgesessen. Alleine von den rund 100 österreichischen Frauen, die aus Überzeugung politischen Widerstand geleistet hatten und die ich während dieser Zeit kennen gelernt habe, sind 16 ermordet worden - die 'Politischen' wurden geköpft", erinnerte sich Schütte-Lihotzky an die Zeit im Zuchthaus Aichach in Bayern. Diese Jahre beschreibt sie in ihrem einzigen Buch "Erinnerungen aus dem Widerstand. Das kämpferische Leben einer Architektin von 1938 bis 1945", das 1985 erschienen ist. Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg Nach der Befreiung aus dem Gefängnis kurierte Schütte-Lihotzky zunächst in Hochzirl eine Tuberkulose aus, später arbeitete sie 1946 für ein halbes Jahr in Bulgarien und plante dort wieder mehrere Kindergärten und Kinderkrippen. 1947 kehrte die Architektin endgültig nach Wien zurück, wo man der aktiven Kommunistin - ihr Freund, der Wiener Philosoph, Soziologe und Bildungspolitiker Otto Neurath hatte ihr 1921 das "Kommunistische Manifest" in die Hand gedrückt - allerdings nur wenige und Kleinaufträge zubilligen mochte. "Ich habe mir natürlich erhofft, dass ich dafür, dass ich für ein selbstständiges Österreich gekämpft habe, etwas für die Weiterentwicklung des Wohnbaus in meiner Heimatstadt tun kann. Doch ich bin aus politischen Gründen von der Stadt Wien boykottiert worden", gab sich die Architektin in ihren letzten Lebensjahren überzeugt. "Ich bin nicht verhungert, doch dieser Boykott hat mich schwer getroffen. Jetzt haben das alle natürlich vergessen und ich bin zu hohen Ehren gelangt, aber jetzt bin ich ja zu alt, um noch zu bauen."

 

Mit Herz und Hand ist die Online Zeitschrift der 
Österreichischen Frauenföderation für Weltfrieden

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Freie Mitarbeit: Mag. Maria Pammer, Ingrid Hauseder,  Therese Heitzinger,

 

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