VERDIENTE
ÖSTERREICHERINNEN |
Jeder Millimeter hat Sinn
Ein Gespräch mit Margarete Schütte
Lihotzky
von Eugenie Kain

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Die Augen spielen
nicht mehr mit, sonst würde sie wahrscheinlich noch bauen. Öffentliche
Aufträge gäbe es jetzt. Sie wohnt mit Kater Schurli in einer
funktionellen und gemütlichen Wohnung, hat bis jetzt die Pflanzen
im Dachgarten selbst betreut und gepflegt, passt beim Essen mit dem
Zucker auf, weil sie noch sehr alt werden möchte und ist selbst das
beste Beispiel ihres Grundsatzes: "Architektur hat mit
Gesinnung und Weltanschauung zu tun". |
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Grete Schütte Lihotzky ist im
Jänner 100 Jahre alt geworden. Anzumerken ist ihr das nicht. Sie ist
vital und lebhaft am Welt - und am "Provinz" - Geschehen
interessiert, empfängt, bewirtet und beantwortet alle Fragen geduldig und
umfassend. Die vielen Interviews rund um den hundertsten Geburtstag waren
schon ein bisschen anstrengend, aber ihr Ehrenfest im MAK (Museum für
angewandte Kunst) war "locker und lustig". Ein Komitee,
bestehend aus VertreterInnen jener Institutionen , in denen Grete Schütte
Lihotzky gearbeitet hat, hat das Geburtstagsfest organisiert. So gab es
unter anderem Gratulationen vom Künstlerhaus, von der KPÖ, vom Urania -
Frauenkomitee und von jenem Brigittenauer Kindergarten, den Grete Schütte
gebaut hat.
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| Schütte: Es müssen
mehr als 860 Leute da gewesen sein. Denn als die Galerie im MAK auch noch
voll war, haben sie sperren lassen. Gefreut hat mich, dass die Kommunisten
und die Sozialisten zusammen waren. Es waren ja viele Sozialisten da: Der
Scholten war da, der Vranitzky war da, der Bürgermeister Häupl war da,
die Pasterk war da, stell' dir vor, die Heide Schmidt war da, der neue
Stadtrat für Kultur von der ÖVP, Marboe, war auch da, sehr viele
Architekten natürlich und sehr viele junge Leute, Architekturstudenten
wahrscheinlich. Es war dunkel und ich seh' schlecht. Jedenfalls war es
eine sehr schöne Sache, dieses Zusammengehen von Sozialisten und
Kommunisten, sehr lustig und locker, gar nicht förmlich und gespreizt.
Der Scholten hat sehr nett gesprochen. Er hat gesagt, dass es ihn
besonders freut, dass seine letzte Aktivität als Minister die Gratulation
zu meinem hundertsten Geburtstag ist und hat mir eine schöne Rose überreicht. Sehr
schön war auch die Idee, die Fahnen der Länder zu
flaggen, in denen ich gelebt habe. Da kommt nämlich eine Menge zusammen.
Österreich, Deutschland - in Frankfurt 5 Jahre, Sowjetunion 7 Jahre,
Frankreich 1 Jahr, die Türkei, die DDR und Kuba. Da muss man hundert
Jahre alt werden... |
| Weil ein "Hunderter"
eine nicht ganz alltägliche Sache ist, noch dazu der hundertste
Geburtstag der ersten österreichischen Architektin, die weltweit zum
Inbegriff für modernes und soziales Bauen wurde, kam kaum jemand umhin,
die Jubilarin in ihrer Gesamtheit zu würdigen. Gesamtheit heisst, auch
auf ihre Arbeit im Widerstand einzugehen, die ihr um ein Haar den Kopf
gekostet hätte und auf ihre Parteizugehörigkeit, die ihr rund 40 Jahre
lang den verordneten Ausschluss von öffentlichen Aufträgen, also de
facto Berufsverbot, einbrachte. Die LeserInnen der Oberösterreichischen
Nachrichten bekamen als Würdigung eine in diesem Zusammenhang sehr verkürzte und verzerrte Version zu Gesicht, Zitat OÖN vom 23.1.97:
"Ihr sozialpolitisches Engagement, das sie eine Zeitlang mit der KPÖ
verband, hätte in der Zeit des Kalten Krieges fast ihre berufliche
Existenz beendet...." Kein Wort über Grete Schütte-Lihotzkys Kampf
gegen das faschistische Regime und für das Wiedererstehen Österreichs.
Diese "Zeitlang mit der KPÖ" währt übrigens bereits 58
Jahre. |
Kain: Hast Du Verbindungen zu
Linz?
Schütte: Als Kind war ich oft in Linz, in den Ferien. Mein Vater
liebte langsame Schifffahrten vor allem bergauf, es dauerte eine Nacht und
noch einen halben Tag und dann waren wir erst in Linz.
Aber wenn ich an Linz denke, denke ich an die Anni Haider.
Anni Haider wurde 1902 in Wien geboren, musste mit 14 in die Fabrik, war
mit 18 Betriebsrätin und verteidigte im Februar 34 mit dem Gewehr in der
Hand den "Goethehof". Seit Herbst 1938 war sie am Aufbau
illegaler KP - Gruppen beteiligt. Im Februar 1941 wurde sie verhaftet und
bei den Verhören verletzt. Im Inquisitenspital organisierte sie gemeinsam
mit den geistlichen Schwestern Verpflegung und Nachrichten für die
politischen Gefangenen. Nach 1945 zog sie mit ihrem Mann nach Linz. |
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Schütte:
Ich bin verhaftet worden und wie alle ins Polizeigefängnis, in die Liesl
gekommen. Dort bin ich genau 3 Monate gesessen von 22. Jänner '41 bis 22.
April '41. Erst nach drei Monaten bin ich überstellt worden. Das war eine
Seltenheit, ich habe 3 Monate Verhöre gehabt, insgesamt 14 Gestapoverhöre.
Das war ausserordentlich viel.
Manche Genossinnen haben nur ein oder zwei
Verhöre gehabt. Und ich konnte ja eigentlich nichts aussagen über Österreich
und über Österreich haben sie mich ja gar nichts gefragt. Deshalb haben
sich die anderen Genossen viel mehr bei der Gestapo mitgemacht. Sie sind
geprügelt worden, um Aussagen über die hiesige Organisation zu
erreichen. Von mir wollten sie nur etwas über die Arbeit im Ausland
wissen.
Im Polizeigefängnis durfte ich nur mit Kriminellen zusammensein.
Nach den drei Monaten bin ich von der Elisabethpromenade in die
Schiffamtsgasse transportiert worden. In diesem Transporter habe ich die
Anni Haider zum ersten Mal in meinem Leben gesehen. Dort sind wir
auswaggoniert worden und jede ist in den 4. Stock in Einzelhaft gekommen.
Wir waren 15 Frauen. Das waren sozusagen die Schweren. 2 Geschosse Männer
und 2 Geschosse Frauen, durch die Klosettrohre konnten wir miteinander
sprechen.
Das Gefängnis war ums Eck gebaut, sodass wir Augenkontakt
hatten und uns in der Stummerlsprache unterhalten konnten. Ich bin in die
Zelle gekommen, war noch erschrocken, weil ich gesehen habe, dass ich in
der Zelle allein bin. Kaum fällt das Türl zu, ruft jemand: Neue, geh'
ans Fenster. Man hat mir gesagt, ich soll den Hocker auf die Pritsche
stellen und darauf noch ein Schemerl und wenn ich da hinaufsteige, kann
ich mit den anderen sprechen.
So habe ich schon während der ersten 10
Minuten das Gefühl gehabt, dass ich nicht allein bin. Ich erinnere mich.
Ich habe einmal einen ganzen Vortrag über die Türkei in der
Stummerlsprache gehalten. So habe ich die Anni Haider kennengelernt. Näher kennengelernt habe ich sie dann eineinhalb Jahre
später. Ich war
in meiner Zelle bis zur Verhandlung im September '42. Am 22. September
sind wir dann zu sechst, der Erwin Puschmann, Franz Sebek, der Genosse
Lisetz, Anna und Franz Haider wegen Vorbereitung zum Hochverrat vor dem 2.
Senat des Volksgerichtshofes gestanden.
Ich bin ein optischer Mensch, ich
sehe alles bildlich, wir sind in zwei Reihen gestanden. Unsere Verhandlung
war die längste, die im Landesgericht stattgefunden hat. Wir haben unser
Schlusswort gehalten, der Staatsanwalt forderte das Todesurteil. Das
Gericht hat sich dann lange zur Beratung zurückgezogen, Die Anni und ich
sind während dieser Zeit mit dem Gerichtsdiener in eine Zelle gesperrt
worden, ich bin auf der Bank gesessen, neben mir der Schupo, die Anni ist
ganz aufgeregt auf und ab gegangen. Der Schupo hat zur Anni gesagt,
"Sie kommen vielleicht mit dem Leben davon, aber Ihnen", er
meinte mich, "glaubt doch kein Mensch."
Erwin Puschmann, Genosse Lisetz und Franz Sebek sind zum Tod verurteilt
worden, Anni Haider und ich wurden zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, ihr
Mann zu 13 Jahren. Für mich war es ein Wunder. Ich vermute, dass sie mich
aus aussenpolitischen Gründen nicht zum Tode verurteilen wollten. Die Türkei war damals noch neutral. Wir sind nach Bayern ins Zuchthaus
Aichach überstellt worden. Die Anni war in sehr guter Verfassung, sie war
äusserst lustig.
Die Lustigen haben die Traurigen aufgeheitert. Wir waren
in kleinen Coupes in normalen Waggons, nur die Fenster waren vergittert.
Ich war mit der Anni Haider in einem Coupe. Die Anni hat Witze erzählt.
Ich habe so ein blödes Hütchen gehabt. Ich bin doch als elegante Dame
von der Türkei nach Wien gereist. Meine übrige Kleidung hat meine
Schwester abgeholt, aber das Hütchen hat sie vergessen. Das war so ein
feines Hütchen aus blauen Federn, ganz elegant. Mit diesem Hütchen haben
wir die ganze Fahrt unseren Spass gehabt, besonders die Anni, die hat das
schief aufgesetzt. Wir haben versucht, die anderen Frauen aufzuheitern.
Die Wilma Tessarek war traurig. Die hat sich dann das Leben genommen. Das
war der einzige Selbstmord, den ich im Gefängnis erlebt habe. Sie hat
lebenslänglich bekommen, weil sie im Keller einen Abziehapparat versteckt
gehabt hat. Das war alles. Der Mann hat sie verlassen, der war im Feld. In
Aichach hat sie sich erhängt. Das war zwei, drei Zellen weg von mir.
Ich hab' mich als protestantisch gemeldet und musste deswegen am Sonntag
nicht in die Kirche. Die Wilma hat gesagt, sie will nicht in die Kirche
gehen. Ihre Zellengenossinnen wussten schon, dass sie sehr trübsinnig
ist. In meiner Zelle habe ich auf einmal so einen plumpen Ton gehört. Ich
habe mir gedacht, irgendwo ist etwas runtergefallen. Nach dem Gottesdienst
war auf dem Gang dann grosser Tumult: Die Wilma hat sich aufgehängt. Wir
Politischen konnten uns in Aichach schwer verständigen. Höchstens beim
Hofgang. Da musste man Zelle für Zelle gehen. Da konnten wir uns höchstens durch Bauchreden mit den Frauen der Nachbarzellen unterhalten.
Bauchreden kann ich heute noch. An diesen Transport erinnere ich mich noch
gut, aber dann sind wir auseinandergerissen worden, in Einzelzellen. Die
Anni war ziemlich weit weg von mir. Wir hatten eigentlich keine rechte
Verbindung.
Am 29 April 1945 sind die Amerikaner gekommen und haben die Türln
aufgesperrt. Aber wir sind erst am 19. Mai weg, weil es ja keine
Verkehrsverbindungen gab, wir waren zu schwach, um zu Fuss zu gehen. Als
wir dann eine Gelegenheit hatten, mit dem Auto zu fahren, sind die Anni
und ich nach München gekommen. Das war eine herrliche Fahrt. Dort ist die
Gegend sehr hübsch. Es war ein wunderbarer Mai und wir auf zwei offenen
Lastautos. Seit Jahren bin ich zum ersten Mal nicht in einem vergitterten
Transporter gesessen.
Bei mir ist dann die TBC wieder aufgeflackert und ich musste zur
Behandlung nach Hochzirl. Nach der Genesung versuchte ich von Innsbruck
nach Wien zu kommen. Das war sehr kompliziert, es waren ja die Brücken
zerstört. In Linz hat mir dann die Haider Anni weitergeholfen. In Steyr
konnten wir nicht auf die russische Seite, weil die Amerikaner
irgendwelche Papiere wollten, die wir nicht hatten. Also mussten wir zurück
nach Linz. Dort hat uns die Anni Haider einzeln mit gefälschten
Personalkarten in der Tramway von Linz nach Urfahr, von der amerikanischen
in die russische Besatzungszone geschmuggelt.
Dort gab es eine
Anlaufstelle für befreite Gefangene und dort hat man uns zum übernachten
eine Wohnung zugewiesen. Es war eine grosse Wohnung und sie war vollkommen
leer. An den blanken Fussboden kann ich mich noch genau erinnern und am nächsten
Tag fuhren wir mit einem Lastwagen, vorbei an Mauthausen. Mit einer Zille
setzten wir über die Donau, ab St. Valentin ging es mit dem Zug weiter. Für die Strecke Wien-Linz brauchte der Zug 24 Stunden.
Ich habe dann später einmal bei der Anni übernachtet, das war anlässlich
eines Frauentages. Wir standen auch in Verbindung. Die Anni übersiedelte
dann in ein Seniorenheim, glaube ich.
Kain: Ja, ins Hillinger - Heim.
Schütte: Also das sind so meine Verbindungen zu Linz.
Kain: Deinem Wunsch, Architektin zu werden, lagen ja nicht
"frauenrechtlerische" Motive zu Grunde, sondern deine
Begeisterung für Mathematik.
Schütte: Meine Motive waren vielschichtig. Da war die Faszination
des Mathematischen. Ein jeder Millimeter hat Sinn, jeder Millimeter wird
ins Dreidimensionale umgesetzt und hat Funktion. Dann war da der soziale
Aspekt. Das Wohnhaus ist die realisierte Organisation unserer
Lebensgewohnheiten. Und schliesslich war dann noch der künstlerische
Aspekt für mich ein Anspruch. Man zeichnet etwas, das wird dann umgesetzt
und beeinflusst die tägliche Umgebung des Menschen, seine Sinne und
Nerven sind ununterbrochen mit dieser Umgebung in Austausch.
Darin sehe
ich die künstlerische Herausforderung der Gestaltung.
Natürlich haben mir alle abgeraten, Architektin zu werden. Mein Lehrer
Strnad, mein Vater und mein Grossvater. Nicht weil sie reaktionär waren,
sondern weil sie Angst gehabt haben, dass ich mit diesem Beruf verhungere.
Es war ja damals nicht vorstellbar, sich von einer Frau ein Haus bauen zu
lassen. Ich konnte es mir ja selbst nicht vorstellen. Mein Vater hat
gefragt: "Wo wirst du denn arbeiten?" Und ich habe gesagt:
"Ich werde halt in irgendeinem Büro Pläne bearbeiten." Dass
mich jemand Häuser bauen lässt, konnte ich mir damals selber nicht
vorstellen. Bei meinen ersten Preisen und Auszeichnungen wurde immer die
Rationalität meiner Entwürfe gelobt. Auch das hat man einer Frau nicht
zugetraut.
Kain: Dir ist es ja auch nicht ganz recht, wenn du ausschliesslich mit der
"Frankfurter Küche" in Verbindung gebracht wirst.
Schütte: Schau, ich bin eine alte Systematikerin. Die Frankfurter
Küche war Teil eines ganz neuen Wohnbauprogramms in Frankfurt. Da ging es
um Rationalisierung von Bauprozessen und damit verbunden um Normierung von
Bauteilen. Auch Bereiche der Wohnungsaustattung sollten rationell
gestaltet werden.
Margarete Schütte-Lihotzky arbeitete in der Typisierungsabteilung des
Hochbauamtes und entwickelte dort eine arbeitssparende Einbauküche, die
der Frau die Doppelbelastung erleichtern und die Isolation von der Übrigen
Familie während der Küchenarbeit aufheben sollte. Ausserdem entwarf sie
in Frankfurt eine Zentralwäscherei für eine Siedlung, Kindergärten,
oder die "Wohnung für die berufstätige Frau", die darauf
ausgerichtet war, der Frau möglichst viel Hausarbeit durch zentrale
Dienstleistungseinrichtungen und durch funktionale Ausstattung der Wohnung
zu ersparen und zu erleichtern.
Schütte: "Die Frankfurter Küche" war ursprünglich ein
Werbeslogan von Baustadtrat May, der für unser ganzes Wohnprogramm stand.
Kain: Die Küche ist bis ins kleinste Detail durchdacht. Die Arbeitswege
hast du mit der Stoppuhr abgemessen und die Farbe Blau für die Lackierung
der Schränke hast du deshalb gewählt, weil du von Farbpsychologen der
Universität Frankfurt erfahren hast, dass intensives Blau von Fliegen
besonders gemieden wird.
Schütte: Ja , so ist das.
Kain: In der Sowjetunion warst du dann für Kinder- und
Jugendeinrichtungen zuständig.
Schütte: Die Arbeit in der Sowjetunion war eine ungeheure Aufgabe.
Wir sind im Rahmen des 1. Fünfjahresplanes eingeladen worden, am Aufbau
mitzuhelfen. Da gab es die verschiedenen Klimazonen, die verschiedenen
Kulturen, die mangelnden Transportwege und die jeweiligen Baumaterialien
bei der Planung zu berücksichtigen. In Magnitogorsk zum Beispiel haben
wir eine Stadt für rund 200 000 Einwohner, also so viele wie in Linz,
entworfen.
Ich habe die Kindereinrichtungen entworfen. Ich erinnere mich
noch gut an meine erste Ankunft in Magnitogorsk. Ich bin mit dem Zug von
Moskau 5 Tage und 5 Nächte hingefahren auf diese Riesenbaustelle und habe
"meinen" Kindergarten gesucht. Das war nicht leicht. Der Polier
sprach nur kirgisisch. Gebaut wurde der Kindergarten von jungen
kirgisischen Frauen. Die hatten alle so viele lange Zäpfchen. Die waren
die Maurerinnen. Man hat mir erzählt, dass die vor einigen Monaten noch
in der Steppe nomadisiert sind. Die hat man dann im Maurerberuf angelernt
und dann haben sie den Kindergarten gebaut.
In der Sowjetunion habe ich später auch Kindermöbel entworfen. Das war
ein Privatauftrag und ganz etwas neues. Kindergerechte Möbel, nicht für
öffentliche Einrichtungen, sondern für daheim. In diesem Zusammenhang
bin ich sogar einmal mit Chruschtschow zusammengekommen. Ich habe die Pläne entworfen, es war ein gutbezahlter Auftrag, aber es gab keine
Chance, dass die Möbel in Produktion gingen. Die Leiterin eines
Freizeitparks hat mir dann geraten, doch einmal beim Stadtparteileiter,
das war damals Chruschtschow, vorzusprechen. Ich bin also hin mit meinen Plänen, habe alles
erklärt, er hat gesagt, das ist ja sehr interessant,
sie werden sich das überlegen.
Ich war nicht sehr optimistisch nach
diesem Gespräch. Aber einige Tage später hat eine Tischlerei angerufen,
sie sei interessiert, Prototypen herzustellen. Ich weiss noch, da waren
mit bunten Bändern bespannte Kinderstühlchen dabei. Ich habe die Bänder
besorgt und bin dann mit so einem Stühlchen in der Metro gefahren. Und
ununterbrochen haben mich die Leute angesprochen, wo es solche Möbel zu
kaufen gibt. Ob die Möbel dann wirklich in Produktion gegangen sind, weiss
ich nicht.
Von der Sowjetunion reiste Schütte-Lihotzky mit ihrem Mann zuerst nach
Frankreich. Weil es dem Ehepaar dort nicht gelang, sich eine Existenz
aufzubauen, übersiedelte es in die Türkei. Die Architektin arbeitete
dort für das türkische Unterrichtsministerium und plante unter anderem
Frauenschulen für Anatolien. In der Türkei schloss sie sich dem Österreichischen Widerstand an und wurde 1939 Mitglied der
Kommunistischen Partei. Von der sicheren Türkei reiste sie 1941 nach Österreich,
um den Kontakt zu den im Untergrund arbeitenden WiderstandskämpferInnen
herzustellen. Durch Verrat eines Spitzels flog die Gruppe auf. Margarete
Schütte-Lihotzky und ihre GenossInnen wurden verhaftet. Sie überlebte
als einzige ihrer Widerstandsgruppe. "Oft fragen mich verschiedenste
Leute, warum ich aus dem sicheren Ausland nach Wien gefahren bin. Immer
wieder empört mich diese Frage, immer wieder bin ich entsetzt über die
mir so fremde Welt, in der diese Frage überhaupt eine Frage ist."
Kain: Verfolgst du das Entstehen der "Stadt der Frauen" in
Transdanubien, der Wohnsiedlung, die ausschliesslich von Architektinnen
geplant worden ist und weiblichen Wohnbedürfnissen Rechnung tragen wird?
Schütte: Ja natürlich. Da sollte ich ja zuerst bei der Planung
mittun. Aber mit meinen Augen geht das nicht mehr. Also war ich in der
Jury. Das sind ganz interessante Entwürfe. Ich bin schon gespannt auf die
Umsetzung. Ich werde mir das sicher in nächster Zeit einmal anschauen.
Die Wohnungen sollen ja bereits im September bezogen werden können. Das
interessiert mich sehr. Hier sind ja hervorragende Architektinnen am Werk.
Literaturempfehlungen:
Zu Schütte-Lihotzky: "Erinnerungen aus dem Widerstand", Wien,
Promedia 1994, 218 Schilling
"Soziale Architektur. Zeitzeugin eines Jahrhunderts."
Ausstellungskatalog, Wien 1993
Zu Anni Haider und Frauen im Widerstand: "Der Himmel ist blau. Kann
sein. Frauen im Widerstand Österreich 1938 - 1945", Promedia, Wien
1985 |
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Betrifft Widerstand
die Zeitschrift des Vereins
Widerstands-Museum Ebensee
Nr. 48, März 2000
Margarete Schütte-Lihotzky
Ein Porträt von Andrea
Königsmaier
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Margarete
Schütte-Lihotzky, die erste Architektin Österreichs, erlag am
18. Jänner 2000, nur wenige Tage vor ihrem 103. Geburtstag, einem
Herzversagen. Als Anerkennung einer großen Architektin, einer
politischen Frau und einer Persönlichkeit mit ausgeprägtem
sozialem Gewissen sei der folgende Nachruf gewidmet.
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Am 23. Jänner 1897 wurde Margarete
Lihotzky in Wien geboren und wuchs in einer bürgerlichen Familie
auf.
Neben zahlreichen Ehrentitel, die
allesamt erst zu einem späten Zeitpunkt eine Anerkennung der
Leistungen von Margarete Schütte-Lihotzky gerecht wurden, sollte
ihr 1988 das österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und
Kunst überreicht werden. Da diese Auszeichnung vom damaligen
Bundespräsidenten Dr. Kurt Waldheim verliehen worden wäre,
verweigerte sie zunächst die Annahme und wartete mit der Verleihung
auf seinen Amtsnachfolger. Margarete Schütte-Lihotzky bleibt uns
als Vorkämpferin für eine bessere und gerechtere Welt in
Erinnerung. |
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| Rationalisierung statt
Emanzipation
Als Frederick Winslow Taylor 1917 knapp
60-jährig mit einer Uhr in der Hand starb, war die Welt nicht mehr, wie
sie zuvor war. Sein ganzes Leben widmete der Quäkerssohn der Erforschung
der betrieblichen Effizienz, "die tagtägliche Vergeudung
menschlicher Arbeitskraft durch ungeschickte, unangebrachte oder
unwirksame Maßnahmen" war ihm ein Gräuel. Taylor sezierte die
Arbeit wie ein Pathologe, zerlegte sie in Bewegungsabläufe, in immer
kleinere Einheiten, maß sie in Zeit und Raum und fasste seine Theorie
1911 in der 156-seitigen Schrift "Die Grundsätze wissenschaftlicher
Betriebsführung" zusammen, Motto: "Bisher stand die
Persönlichkeit an erster Stelle, in Zukunft wird die Organisation und das
System an erste Stelle treten." Zu den aufmerksamen Leserinnen dieses
Buches gehörte auch Margarete Schütte-Lihotzky.
Der Herd zum International Style
Das neue Bild der Moderne erfasste alle Lebensbereiche. Europäische
Künstler wie die italienischen Futuristen versuchten, die Formen und
Werte der modernen Technologie auf Leinwand zu bannen. Architekten um
Walter Gropius entwarfen den "internationalen Stil". Der
Bauhaus-Gründer glaubte, dass Fabriken und andere Industriebauten den
Geist der Zeit ausdrücken sollten, wie es die Kathedralen im Mittelalter
taten. Gropius ("Kunst und Technik - Eine neue Einheit", 1921)
sah die Zeit reif für das in Massenproduktion hergestellte Haus. Und was
für das Haus galt, sollte vor der Küche nicht Halt machen. Margarete
Schütte-Lihotzky untersuchte die Arbeitsabläufe in der Küche genau, um
dann die Möbel so arbeitssparend wie möglich anzuordnen. Das zentrale
Thema ihrer Arbeit in den 20er Jahren war die Frage: Wie kann man der
Hausfrau durch richtigen Wohnbau Arbeit ersparen? Und damit Zeit, deren
Mangel die neue Berufstätigkeit mit sich brachte. Dass die Küche für
die Frau effizient organisiert sein müsste, war trotz aller
Fortschrittlichkeit auch 1926 noch keine Frage. |
Serielle Produktion
Ergebnis dieser Taylorisierung der Küchenarbeit war jedenfalls die heute
weltberühmte "Frankfurter Küche". Als erste moderne seriell
hergestellte Einbauküche entstand sie 1927-28 im Rahmen von Ernst Mays
sozialreformerischem Bauprogramm "Das neue Frankfurt". Nur
sechseinhalb Quadratmeter groß, war die Frankfurter Küche durch
Raumökonomie und streng funktionale Einrichtung ein Beitrag zur
"Rationalisierung der Hauswirtschaft" und wurde bis 1930 in rund
10.000 Wohnungen der Frankfurter Sozialsiedlungen eingebaut. Die
Frankfurter Küche war das Vorbild der "Schwedenküche", die
seit den 50er Jahren weltweit Einzug in den Haushalt hielt. Das hat
Margarete Schütte-Lihotzky konsequenterweise 1989 auch den IKEA-Preis
eingetragen.Der Entwurf sollte sich folgenreich in der Entwicklung der
modernen Einbau-Küche auswirken, in der schwedischen Essküche, aber auch
in Konterkarierung ihrer Intentionen zum Küchenkammerl der
Nachkriegsjahre. Kritiker warfen ihrem Entwurf vor, er hätte ganz im Stil
der Zeit die Arbeitsgänge rationalisiert und so eher die Menschen an die
Objekte als umgekehrt angepasst. Die Architektin konterte: "Die
'Frankfurter Küche' ist auch als Umsturz der Eigentumsverhältnisse zu
sehen, da die eingebauten Möbel Eigentum der Stadt waren, die diese dann
auch bei Bedarf renovieren musste." |
| Der Preis der politischen
Überzeugung
Die 1897 in Wien geborene Beamtentochter
Margarete Schütte-Lihotzky studierte von 1915 bis 1919 an der
Kunstgewerbeschule in Wien bei Oskar Strnad und Heinrich Tessenow
Architektur. Josef Hoffmann, der an ihrer Ausbildungsstätte zur
Baukünstlerin, der K.K. Kunstgewerbeschule, unterrichtete, hatte sie
anfangs abgelehnt. "Mädeln durften nur in seine Modeklasse, da
Hoffmann überzeugt war, es sei alles umsonst, weil die Mädchen eh' alle
heiraten", erinnerte sich Schütte-Lihotzky später. Besonders stolz
war sie etwa auf ein Originalzeugnis von Loos, den sie als eleganten
Herrn, der nur mit silbernem Stift skizzierte, in Erinnerung hat: "Er
hat mich als 'fleißig und brav' beschrieben - und seine Bemerkung 'sie
stellt ihre männlichen Kollegen in den Schatten' hat mich natürlich hoch
erfreut." Der Reihe von Preisen, die sie schon in ihrer Studienzeit
einheimsen konnte, folgte 1920 ein Preis in einem
Schrebergartenwettbewerb, der sie mit der Siedlerbewegung in Kontakt
brachte. 1922 trat sie ins Baubüro des Verbands der Siedler- und
Kleingartenwesen ein. Die Frankfurter Jahre 1926 wurde sie von
Ernst May ins Frankfurter Hochbauamt gerufen, wo sie sich in der
Typisierungsabteilung mit der Rationalisierung in der Hauswirtschaft
beschäftigte. Sie entwarf Einrichtungen für Kindergärten, Wäschereien
und unter anderem Wohnungstypen für die berufstätige, alleinstehende
Frau und ihre berühmt gewordene "Frankfurter Küche".
In Frankfurt heiratete Margarete Lihotzky
ihren Architektenkollegen Wilhelm Schütte. Und mit Ernst May folgte das
Ehepaar 1930 einer Einladung in die Sowjetunion, wo Schütte-Lihotzky
sieben Jahre lang von Moskau aus als Leiterin einer Planungsabteilung
Typisierungen für Kindergärten, -krippen und -möbel für die neuen,
großen Städte der Schwerindustrie entwickelte. Nach einem einjährigen
Paris-Aufenthalt folgte sie 1938 einer Einladung von Bruno Taut nach
Istanbul, wo sie an Schul- und Kindergartenprojekten arbeitete, unter
anderem an der Typisierung von Dorfschulen. Arbeit für den Widerstand
1940 ging die überzeugte Antifaschistin nach Wien, um eine Verbindung des
österreichischen Widerstandes mit dem Ausland herzustellen. Sie wurde
jedoch nach einigen Wochen von der Gestapo verhaftet, vom Berliner
Volksgerichtshof nach Beantragung des Todesurteils zu 15 Jahren Zuchthaus
verurteilt und bis 1945 inhaftiert. "Vier Jahre, drei Monate und eine
Woche habe ich abgesessen. Alleine von den rund 100 österreichischen
Frauen, die aus Überzeugung politischen Widerstand geleistet hatten und
die ich während dieser Zeit kennen gelernt habe, sind 16 ermordet worden
- die 'Politischen' wurden geköpft", erinnerte sich
Schütte-Lihotzky an die Zeit im Zuchthaus Aichach in Bayern. Diese Jahre
beschreibt sie in ihrem einzigen Buch "Erinnerungen aus dem
Widerstand. Das kämpferische Leben einer Architektin von 1938 bis
1945", das 1985 erschienen ist. Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg
Nach der Befreiung aus dem Gefängnis kurierte Schütte-Lihotzky zunächst
in Hochzirl eine Tuberkulose aus, später arbeitete sie 1946 für ein
halbes Jahr in Bulgarien und plante dort wieder mehrere Kindergärten und
Kinderkrippen. 1947 kehrte die Architektin endgültig nach Wien zurück,
wo man der aktiven Kommunistin - ihr Freund, der Wiener Philosoph,
Soziologe und Bildungspolitiker Otto Neurath hatte ihr 1921 das
"Kommunistische Manifest" in die Hand gedrückt - allerdings nur
wenige und Kleinaufträge zubilligen mochte. "Ich habe mir natürlich
erhofft, dass ich dafür, dass ich für ein selbstständiges Österreich
gekämpft habe, etwas für die Weiterentwicklung des Wohnbaus in meiner
Heimatstadt tun kann. Doch ich bin aus politischen Gründen von der Stadt
Wien boykottiert worden", gab sich die Architektin in ihren letzten
Lebensjahren überzeugt. "Ich bin nicht verhungert, doch dieser
Boykott hat mich schwer getroffen. Jetzt haben das alle natürlich
vergessen und ich bin zu hohen Ehren gelangt, aber jetzt bin ich ja zu
alt, um noch zu bauen." |
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